Vom Pädagogischen Tag zur Schulentwicklung

KURS ist ein Prozessvorschlag für die Weiterarbeit nach dem gemeinsamen Einstieg – an schulischen Entwicklungsfeldern, besonders aber mit Blick auf generative KI: vier Phasen, ein Schwerpunkt, ein Schuljahr. KURS ist eine Strukturvorlage, die sich an die Ziele und Bedarfe Ihrer Schule anpassen lässt.

Gute KI-Entwicklung ist gute Unterrichtsentwicklung.

Was bleibt nach dem Pädagogischen Tag?

Ein Fortbildungstag zu KI verläuft meist konstruktiv – zu offensichtlich ist, wie sehr eigenständiges Lernen durch KI herausgefordert wird. Schwieriger ist die Frage, was nach drei, sechs oder zwölf Monaten davon im Unterrichtsalltag angekommen ist.

Die Schulentwicklungsforschung spricht vom Implementation Dip: Nach dem Impuls folgt der Alltag, und der ist voll, stressig und mit neuen Belastungen gefüllt. Die Energie eines einzelnen Tages trägt selten durch das Schuljahr. Weiter machen dann meist diejenigen, die ohnehin schon angefangen hatten – die späte Mehrheit, also die eigentlich entscheidende Gruppe, bleibt zurück.

Das ist weniger ein Versagen der Fortbildung als ein strukturelles Problem. Ein Tag ist ein begrenztes Ereignis, bestenfalls ein Kick-off. Schulentwicklung ist ein Prozess von längerer Dauer – und braucht eine kontinuierlich gedachte Struktur, in die der einzelne Impuls einmündet.

Verlauf von Energie und Umsetzung über das Schuljahr Nach dem Höhepunkt am Pädagogischen Tag fällt die Umsetzung im Schulalltag stark ab und bleibt auf niedrigem Niveau, während eine kontinuierliche Entwicklung stetig ansteigen würde. Energie und Umsetzung Schuljahr kontinuierliche Entwicklung Pädagogischer Tag hohe Motivation, viele Ideen Schulalltag: voll, stressig, neue Belastungen einzelne Vorreiter bleiben aktiv, die späte Mehrheit fällt zurück
Ein Fortbildungstag ist ein begrenztes Ereignis. Schulentwicklung braucht eine Struktur, die über das Schuljahr trägt.

Entstanden aus der Fortbildungspraxis

KURS ist nicht am Schreibtisch entstanden, sondern im Anschluss an einen Pädagogischen Tag zu generativer KI: ein Kollegium, das Prompt-Karten und formatives KI-Feedback ausprobiert, KI-Klassenräume eingerichtet und über Lernen in Zeiten von KI diskutiert hat – ein intensiver und konstruktiver Tag.

Offen blieb am Ende die Frage, auf die eigentlich jede Fortbildung hinausläuft: Wie machen wir jetzt weiter – und wie gehen wir das als Kollegium und Schulgemeinschaft an? Am Abend haben wir uns mit der Steuergruppe genau dafür zusammengesetzt. Aus den Schlüsselbegriffen dieses Gesprächs ist KURS entstanden – keine schnelle KI-Schöpfung, sondern eine Rekombination dessen, was dort besprochen wurde, geprägt von den Erfahrungen aus vielen Fortbildungen der letzten Jahre.

Zwei naheliegende Reaktionen – und warum sie selten tragen

Tool-Fokus

Eine Liste erlaubter Tools wird festgelegt, geschult – und für Umsetzung gehalten. Tool-Kenntnis ist nicht unnötig, aber so werden die pädagogischen Fragen übersprungen. Wer mit der Plattform beginnt, sucht anschließend nach Einsatzzwecken – eigentlich sollte es andersherum laufen.

Vollständigkeitsfalle

KI soll in allen Fächern und Jahrgängen verankert werden, ein umfassendes Konzept entsteht. Nach einem halben Jahr ist das Papier fertig – Akzeptanz und Umsetzung bleiben kaum praktikabel.

Was wir über wirksame Fortbildung wissen

Eine Meta-Analyse von Lynch u. a. (2025) über 46 Studien aus dem MINT-Bereich zeigt Muster, die sich mit etwas Vorsicht auf andere Fächer übertragen lassen – und die sich mit der Praxiserfahrung vieler Fortbildner:innen decken.

Gezielte Fortbildung wirkt

Sie verändert das Handeln von Lehrkräften, und besseres Unterrichtshandeln geht mit besseren Leistungen der Lernenden einher. Nachqualifizierung bei einem neuen Thema wie KI ist also kein verlorenes Spiel.

Qualität schlägt Quantität

Die Dauer einer Fortbildung hängt nicht signifikant mit ihrem Erfolg zusammen. Entscheidend sind Fokus, Qualität und materialgestützte Kontinuität.

Fachwissen ist zentral

Fortbildungen mit Fokus auf Content Knowledge wirken stärker als reine Methodenschulungen nach dem Muster „Wie nutze ich Tool X?“. Wer didaktisch wirksam handeln will, muss verstehen, wie KI funktioniert.

Formatives Feedback als Hebel

Besonders starke Effekte zeigen Fortbildungen zu formativem Feedback – einer Tiefenstruktur von Unterricht. Hier liegt vermutlich auch der stärkste didaktische Hebel von KI, nicht in der schnellen Content-Generierung.

Fokus und Tiefe wirken stärker als Umfang.

Weitere Befunde in dieselbe Richtung: Hatties Metaanalyse zu Professional Development und Studien zum Fortbildungsmodell in Singapur.

4 Phasen, 1 Schwerpunkt, 1 Schuljahr

KURS steht für Klären, Umsetzen, Reflektieren und Sichern – ein vertrauter iterativer Ablauf, ähnlich bekannt vom PDCA-Zyklus, hier aber zugeschnitten auf die Arbeit an schulischen Entwicklungsfeldern und am Beispiel generativer KI an Schulen konkretisiert.

Ein Kurs – auf See, im Flugzeug, beim Wandern – wird mit einem Ziel vor Augen bestimmt, gefahren und bei Bedarf korrigiert. Er steht nicht fest, ist aber auch nicht beliebig. Und er wird von Menschen gesteuert, nicht von der Maschine.

Deshalb gilt, hier am Beispiel der KI-Strategie einer Schule (und natürlich erweiterbar auf andere Entwicklungsfelder der Einzelschule): ein Entwicklungsschwerpunkt pro Zyklus, ein Zyklus pro Schuljahr. Wer in einem Jahr KI-gestütztes Schreibfeedback in drei Fachschaften wirklich durchdringt, hat mehr erreicht als eine Schule, die zwölf Tools in acht Fächern angetestet hat.

Der KURS-Zyklus: 1 Klären – An welchem Lernproblem arbeiten wir, und wo stehen wir? 2 Umsetzen – Was müssen wir verstehen, und was entwickeln wir gemeinsam? 3 Reflektieren – Was tun unsere Schülerinnen und Schüler tatsächlich? 4 Sichern – Was davon verfolgen wir im nächsten Schuljahr weiter?
Der Zyklus auf einen Blick – darunter lässt sich jede Phase einzeln öffnen.

Die Anpassung an die eigene Schule: 3I

Jede Schule reagiert im Rahmen ihres Profils und ihrer Konstellation aus Schulleitung und Kollegium anders auf neue Herausforderungen. KURS gibt die Struktur – schulspezifisch wird es über die Anbindung an das, was ohnehin Entwicklungsziel der Schule ist.

3I-Modell: Integration in Schulinitiativen, Investieren in Fortbildung, Innovationskultur unterstützen

Integration

in bestehende Schulinitiativen. Der Schwerpunkt wird aus Leitbild und laufenden Vorhaben abgeleitet, nicht neu erfunden. Arbeitet eine Schule an Feedbackkultur, liegt KI-gestütztes Schreibfeedback nahe; arbeitet sie an Differenzierung, vielleicht adaptive Materialien. KI wird so zum Hebel für etwas, das ohnehin auf der Agenda steht.

Investition

in Fortbildung, die auf das Schwerpunktthema zielt statt auf Tools. Nicht „Einführung in Tool X“, sondern: „Wie geben wir in Klasse 9 besseres Feedback im Schreibprozess – und kann genKI dabei helfen?“

Innovationskultur

mit Freiräumen zum Erproben, Scheitern und Verwerfen als Selbstverständlichkeit. Sie ist Voraussetzung für die Phasen Reflektieren und Sichern: Neugier und Motivation in einem sicheren Rahmen für Korrektur.

KURS ist der Prozess, 3I die Haltung.

Drei Ebenen, drei Fragen

KURS beantwortet nicht alles – und soll es auch nicht. Zusammen mit den fünf Dimensionen von Joscha Falck und dem AKTIV-Framework von Manuel Flick ergibt sich eine klare Arbeitsteilung.

Fünf Dimensionen Lernen und KI: mit, über, durch, trotz und ohne KI

5 Dimensionen, Joscha Falck

In welchem Verhältnis steht Lernen zu KI?

Lernen mit, über, durch, trotz und ohne KI: Die fünf Dimensionen machen aus der Alles-oder-nichts-Debatte einzelne didaktische Entscheidungen. Wer benennen kann, warum eine Aufgabe bewusst ohne KI angelegt ist, streitet nicht mehr über KI im Ganzen.

AKTIV-Framework: Ausprobieren und Anwenden, Kommunizieren und Klarheit schaffen, Transformieren von Lernprozessen, Integrativ Prüfen und Bewerten, Verändern und Mitgestalten

AKTIV-Framework, Manuel Flick

Wo stehen wir gerade im Entwicklungsprozess?

Fünf aufeinander aufbauende Schritte vom Ausprobieren bis zum Mitgestalten. Eine Fachschaft, die noch ausprobiert, wählt einen anderen Schwerpunkt als eine, die schon an Prüfungsformaten arbeitet – das Verfahren bleibt dasselbe.

KURS-Zyklus mit den Phasen Klären, Umsetzen, Reflektieren und Sichern

KURS-Zyklus, Hauke Pölert

Wie gehen wir den nächsten Schritt?

Der Zyklus überführt die grundsätzliche Frage und den schulindividuellen Standort in konkrete Unterrichtsentwicklung: iterativ, mit einem Schwerpunkt pro Schuljahr und offenem Ende.

Pädagogik und Technik verzahnen

„Erst die Pädagogik, dann die Technik“ klingt vernünftig, suggeriert aber, man könne didaktisch unabhängig von der digitalen Wirklichkeit der Lernenden entscheiden. Näher an der Praxis ist die Logik des DPACK-Modells: Professionelles Handeln entsteht in der Verzahnung von pädagogischem Wissen, fachlichem Gehalt und Digitalität. Die Leitfrage lautet dann: Was soll warum gelernt werden, was bleibt warum menschlich – und wie sieht die Lernumgebung dafür aus?

Blick über den Tellerrand: PRISMA

Das PRISMA-Framework von Felix Urban (Carl-Fuhlrott-Gymnasium Wuppertal) prüft ein Vorhaben aus sechs Perspektiven: Potenziale, Risiken, Integration, Skills, Mehrwert, Analyse. Es eignet sich für die gründliche Einzelanalyse, AKTIV und KURS für einen verlässlichen Jahresrhythmus. Beides schließt sich nicht aus: Die sechs Perspektiven lassen sich als Prüfraster in die Phasen Klären und Reflektieren einziehen.

Wir brauchen mehr KI in der Schule – und wir brauchen weniger KI. Wichtig ist, in beide Richtungen entschieden zu handeln.

Grundhaltung nach Florian Nuxoll. Ein KURS-Zyklus lässt beides zu: das begründete Ja und das begründete Nein.

Der KURS-Zyklus im Jahresplan

Ein möglicher Ablauf über ein Schuljahr – als Orientierung, nicht als Vorgabe.

Schuljahresbeginn

Gemeinsamer Einstieg

Pädagogischer Tag oder SchiLf: gemeinsame Ausgangsbasis und genug Erfahrung, damit die Diskussion danach konkret werden kann.

Wochen danach
K

Klären

Das Kollegium oder ein Team und/oder die Schulleitung bestimmen den Schwerpunkt, binden ihn z. B. an eine laufende Initiative an und erheben den aktuellen Standort – eine kurze Bestandsaufnahme, kein neues Papier.

1. Halbjahr
U

Umsetzen

Arbeit in den Fachschaften: feste Termine, konkrete Produkte, bei Bedarf moderierende Personen in den Teams.

Ende 1. Halbjahr
R

Reflektieren

Hospitationen, gemeinsame Durchsicht von Schülerprodukten, ehrliche Bilanz – im Kollegium, fachlich und überfachlich.

Vor den Sommerferien
S

Sichern

Verbindlichkeiten klären, Material zentral ablegen, Termine für das nächste Jahr setzen und den nächsten Schwerpunkt wählen.

Kreativwerkstatt KURS

Wählen Sie Fach, Jahrgang und ein Lernproblem, an dem Sie arbeiten möchten. Die Werkstatt entwirft daraus ein Vorhaben entlang der vier Phasen – als Denkanstoß für die Fachschaft, nicht als fertige Planung.

Jahrgang
Lernproblem als Schwerpunkt
Wo steht Ihre Fachschaft? (AKTIV)

Optional. Der Schwerpunkt wird daraus abgeleitet, nicht neu erfunden.

Die Werkstatt arbeitet regelbasiert: Sie kombiniert fachspezifische Bausteine mit den Leitfragen des KURS-Zyklus. Es wird kein Sprachmodell genutzt und keine Eingabe übertragen.

Materialien für die Weiterarbeit

Alle Materialien folgen derselben Logik: ein Schwerpunkt, vier Phasen, Anbindung über 3I. Sie stehen unter CC BY-SA 4.0 und dürfen angepasst und weitergegeben werden.

17 Dateien, etwa 2,6 MB

Für Steuergruppe und Kollegium

Überblick über Zyklus, Ebenen und Jahresplan – für die Steuergruppe, die Gesamtkonferenz oder den Aushang im Lehrerzimmer.

KURS-Poster

Der Zyklus mit Leitfragen, Impulsen und Ergebnissen, dazu die drei Ebenen und 3I auf einer Seite.

PDF, A4 (auch als A3 druckbar), 118 KB

Planungsbogen für die Steuergruppe

Ein vollständiger Zyklus mit gezielten Fragen je Phase, Bedarfsprofil, Entscheidungstabelle und Jahresplan.

PDF, 2 Seiten A4, 130 KB

Drei Ebenen, drei Fragen

Wie die 5 Dimensionen, AKTIV und KURS zusammenspielen.

PDF, A4, 535 KB

Der KURS-Zyklus im Jahresplan

Vom gemeinsamen Einstieg bis zum Sichern vor den Sommerferien.

Grafik, 16:9, 96 KB

Nach dem Impuls kommt der Alltag

Grafik zum Implementation Dip – ein guter Einstieg in die Steuergruppenarbeit.

Grafik, 16:9, 89 KB

Für Fachschaften und Teams

Arbeitsvorlagen für die Phasen Klären bis Sichern – zum Ausfüllen in der Fachkonferenz oder im Jahrgangsteam.

Planungskarte

Vier Leitfragen für ein einzelnes Vorhaben – von der Leitfrage bis zur Entscheidung.

PDF, A4, 105 KB

Fachtabelle

Vorlage für die Fachkonferenz mit Beispielzeilen, anschlussfähig an die Medienkonzept-Tabelle.

PDF, A4 quer, 121 KB

Grafiken für Präsentationen

Folien und Grafiken für die eigene Vorstellung von KURS im Kollegium.

KURS-Zyklus

Die vier Phasen mit Leitfragen, Impulsen und Ergebnissen.

Grafik, 211 KB

Titelfolie

KURS – Vom Pädagogischen Tag zur Schulentwicklung.

Grafik, 16:9, 121 KB

Phase 1: Klären

Leitfrage, Aktivitäten, Kernfrage und Ergebnis.

Grafik, 16:9, 138 KB

Phase 2: Umsetzen

Gemeinsame Basis, Fachschaftsarbeit und der didaktische Kompass.

Grafik, 16:9, 127 KB

Phase 3: Reflektieren

Der Blick auf den Lernprozess und die Prüffrage.

Grafik, 16:9, 137 KB

Phase 4: Sichern

Vereinbarungen, Ablage, Struktur – und das begründete Nein.

Grafik, 16:9, 122 KB

3I-Modell

Integration, Investition, Innovationskultur: Schulentwicklung in Zeiten von KI.

Grafik, quadratisch, 168 KB

KURS-Logo

Kompassrose mit transparentem Hintergrund, z. B. für eigene Folien.

PNG, transparent, 100 KB

Bezugsmodelle

Die beiden Modelle, mit denen KURS verzahnt ist – beide unter der offenen Lizenz CC BY-SA 4.0.

5 Dimensionen „Lernen und KI“

Lernen mit, über, durch, trotz und ohne KI. CC BY-SA 4.0 Joscha Falck.

Grafik, quadratisch, 173 KB

AKTIV-Framework

Fünf Schritte vom Ausprobieren bis zum Mitgestalten. CC BY-SA 4.0 Manuel Flick.

Grafik, 16:9, 154 KB
Hauke Pölert vor einer Tafel im Klassenraum

Fragen zur Weiterarbeit?

Hauke Pölert, Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen und unterrichten.digital

Ich unterrichte Geschichte und Spanisch und bin Oberstufenkoordinator am Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen. Als Referent, Fortbildner und Autor beschäftige ich mich mit Lernen und Unterrichtsentwicklung unter den Bedingungen generativer KI. Auf unterrichten.digital veröffentliche ich Beiträge, Materialien und Infografiken.

Wenn Sie nach dem gemeinsamen Tag mit KURS weiterarbeiten und Fragen zu Materialien, zum Zyklus oder zur Begleitung haben, schreiben Sie mir gern.

hauke.poelert@thg-goettingen.de