Erst digitale Endgeräte, dann das Konzept?
Zum Schuljahr 2026/27 beginnt in meinem Bundesland Niedersachsen das größte Digitalisierungsprojekt, das dieses Land je in seinen Schulen hatte. Denn seit diesem Jahr haben wir einen gesetzlichen Anspruch auf ein digitales Endgerät ab Jahrgang 7 und für alle Lehrkräfte. Rund 800 Millionen Euro bis 2031 und aufwachsend Jahrgang für Jahrgang.
Zugleich ist das aber auch eine Nachricht, die an vielen Schulen nach wie vor zahlreiche Fragen auslöst, für die teilweise Antworten fehlen: Wie wollen wir Unterrichtsentwicklung unter digitalen Bedingungen gestalten?
Denn 1:1-Konzepte erzeugen immer auch ein Organisationsproblem, das vorher nicht existierte. Solange die Klasse einen halben Tablet-Koffer teilt, bleibt es meist bei der Phase / Methode und einem klar limitierten Einsatz. Sobald jedes Kind ein eigenes Endgerät hat, beginnen sich schnell Aufgaben, Materialien, Zwischenstände, Abgaben, Rückmeldungen und Produkte in diversen Plattformen, Apps und Ordnern zu stapeln. Wer das mit einer Kombination aus Padlet, Mail-Anhängen, IServ, geteilten Ordnern und ausgedruckten Wochenplänen zu regeln versucht, verliert innerhalb kurzer Zeit den Überblick. Ein kleiner, aber entscheidender Ansatzpunkt für Schulentwicklung im Zusammenspiel mit kontinuierlicher Fortbildung.

An dieser Stelle wird die Plattformfrage meistens als IT-Frage behandelt: Was ist datenschutzkonform, was läuft auf den Geräten, was kostet es? Das sind zwar notwendige, aber nicht unbedingt entscheidende Fragen.
Entscheidend sollte eher sein: Welches pädagogische Fundament liegt unserer (möglichst einheitlich genutzten) Lernplattform zugrunde, inwiefern unterstützt die Plattform schulinterne Unterrichtsentwicklung und unsere pädagogischen Ziele als Einzelschule?

Denn jede Lernplattform ist am Ende auch ein pädagogisches Konzept in Softwareform. Manche sind ein Verteilsystem für PDFs mit Rückkanal. Manche sind ein Trainingsautomat, der den nächsten Schritt freischaltet, wenn Lernende den vorherigen korrekt gelöst haben. Und andere sind ein Baukasten, mit dem man sich selber eine Lernumgebung erstellt, anstatt eine geliefert zu bekommen.
LearningView ist wohl am ehesten der dritte Typ und mit seiner Flexibilität und seinen Funktionen seit Jahren mein Favorit für Blended Learning – und je länger ich LearningView nutze, desto mehr verstärkt sich dieser Eindruck. Daher wurde es Zeit für eine Vorstellung.

Was LearningView ist – und woher es kommt
LearningView ist eine Lernplattform – ich nutze jetzt den Begriff Lernmanagementsystem (LMS) – der Pädagogischen Hochschule Schwyz (PHSZ), entstanden 2016 als Forschungs- und Entwicklungsprojekt am Institut für Medien und Schule (IMS) in enger Zusammenarbeit mit der Projektschule Goldau. Finanziert wird die Plattform über Stiftungen, weshalb das LMS auch bis heute kostenlos für Schulen nutzbar ist.
Interessant ist ein kurzer Blick auf die Herkunft des LMS: Denn die Projektschule Goldau ist jene Schule, an der Beat Döbeli Honegger (Autor des empfehlenswerten Buches „Mehr als 0 und 1“) seit 2009 als wissenschaftlicher Leiter Projekte mit persönlichen Digitalgeräten durchführt. Beat D. Honegger ist Professor an dem Institut, das auch LearningView entwickelt.
LearningView ist damit kein kommerzielles Produkt, das nachträglich für 1:1-Klassen angepasst wurde, sondern in einer 1:1-Klasse entstanden, weil eine 1:1-Klasse es brauchte und es zum damaligen Zeitpunkt dafür noch keine passenden Systeme gab. In einem Video stellt das Team hinter LearningView die Lernplattform vor:
Einige Zahlen: Im Schuljahr 2023/24 meldete die PH Schwyz über 10.000 Lehrpersonen und rund 100.000 Schülerinnen und Schüler. Auf der aktuellen Startseite stehen inzwischen über 625.000 registrierte Nutzer. Im Kanton Schwyz nutzte im Schuljahr 24/25 fast die Hälfte aller Volksschulkinder die Plattform. Das ist für ein Hochschulprojekt eine bemerkenswerte Verbreitung – und ein Hinweis darauf, dass hier nicht ein Prototyp entwickelt, sondern ein System im täglichen Dauerbetrieb pädagogisch genutzt wird.
Die Funktionen: ein Baukasten, kein Lehrwerk
Der Entwickler selbst beschreibt LearningView als „Baukasten für Lehrpersonen, die ihre eigene digitale Lehr- und Lernumgebung gestalten möchten“. Das klingt zunächst nach IT-Nerds, ist aber eigentlich nur eine ehrliche Erwartungsklärung. Es gibt in LearningView eben keine mitgelieferten Inhalte, keine Aufgaben-Flatrate, kein digitales Lehrwerk oder eine vorgefertigte didaktische Leitlinie. Stattdessen bietet LearningView eine übersichtliche Struktur, in der man seine eigenen Materialien so anordnet, dass Lernende selbstständig damit arbeiten können und man trotzdem den Überblick behält.

Die Grundstruktur von LearningView
LearningView gibt vier Ebenen vor: Lernbereich → Lerneinheit → Thema → Aufgabe. Lernbereich ist typischerweise das Fach, Lerneinheit die Unterrichtsreihe, Thema ein Baustein darin, Aufgabe die einzelne Lerngelegenheit. Alle Materialien liegen zentral im „Alle Materialien“-Bereich und werden von dort in Kurse verteilt. Kurse sind Klassen, Lerngruppen, AGs oder auch Fortbildungsgruppen im Kollegium.

Zwei Details, die im Alltag mehr wert sind, als sie vielleicht klingen: Mehrere Lehrpersonen können gleichberechtigt in einem Kurs arbeiten (Team-Teaching, Doppelsteckung, Vertretung). Und jeder Schüler braucht nur ein einziges Konto und tritt über Kurscodes beliebig vielen Kursen bei, was im Unterrichtsalltag völlig unkompliziert läuft (ein wichtiges Detail zum Schuljahresbeginn!).
Aufgaben – und was man ihnen alles mitgeben kann
Die (Lern-)Aufgabe ist die eigentliche Einheit des Systems und macht in ihrer planbaren Vielfalt die didaktische Tiefe des LMS aus.

Neben dem Standardformat gibt es Vorlagen für Sammlungen, Selbsttests, Umfragen und den Typ Interaktiv (extern), der auf Kataloge von zebis.digital, LearningApps.org und edulo zugreift; erfolgreich gelöste interaktive Inhalte können eine Aufgabe automatisch als erledigt markieren. Jeder Aufgabe lassen sich mitgeben:
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- Farben, Icons und Zusatzsymbole – etwa für Niveaustufen, Hausaufgabe, Zusatzaufgabe. LearningView schreibt keine Bedeutung vor; ein Kollegium kann sich also eine eigene, gemeinsame Symbolsprache geben (dazu unten mehr, dafür gibt es unten auch eine Vorlage).
- Anhänge und Weblinks
- Sichtbarkeiten – für einzelne Lernende, für Gruppen, „erst nach Erledigung sichtbar“, „nur für die Lehrkraft“
- Sozialform, geschätzter Zeitaufwand, Abgabeform, Korrekturform
- Niveauvarianten innerhalb derselben Aufgabe, aus denen die Lernenden auswählen – Differenzierung ohne drei parallele Aufgabenkacheln
- seit Juli 2026 die Abgabeform „Medium abgeben“ mit mehreren Optionen in einer Aufgabe: Die Lernenden entscheiden, ob sie ein Foto, eine Audioaufnahme oder ein anderes Format abgeben, was ich in der Praxis als äußerst sinnvoll empfinde und von den Schülerinnen und Schülern auch sehr gerne angenommen wird.
Und gerade dieser letzte Punkt ist für mich ganz entscheidend: Denn wer die Abgabeform freigibt, gibt einen Teil der Aufgabenkonstruktion an die Lernenden ab – mit Blick auf das Aufgabendesign ein wichtiger Unterschied zwischen „Schreibe eine Zusammenfassung“ und „Zeig mir, dass du das verstanden hast – such dir aus, wie und in welcher Form.“
Abgabe, Bearbeitung, Feedback
Lernprodukte können Fotos, Audios, Videos oder Dokumente sein. Zur Bearbeitung gehören zwei integrierte Editoren:
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- Ein Bildeditor, mit dem Bilder und PDFs direkt annotiert, beschriftet, ergänzt und auch gemeinsam bearbeitet werden – das klassische „Arbeitsblatt mit dem Stift ausfüllen und abgeben“ auf dem Tablet und ein
- Texteditor mit kollaborativem Schreiben und Versionsverlauf, inzwischen mit mehrspaltigem Satz, Bildunterschriften und Drag-and-drop.

Für die Lehrkraft bündelt eine eigene Korrekturen-Ansicht alles Eingegangene: filtern, suchen, gruppiert nach Aufgabe, Feedback direkt am Medium. Und Lernende können abgegebene Medien nachträglich überarbeiten, ohne dass die Aufgabe zurückgesetzt werden muss – Überarbeitung als Normalfall, nicht als Ausnahme. Besonders sinnvoll finde ich dabei, dass ich als Lehrer z.B. in einer abgegebenen Mindmap meine Anmerkungen und Hinweise annotieren kann, die Schülerinnen und Schüler können dann wiederum direkt in diesem Dokument weiterarbeiten. So wird der Arbeitsprozess ohne größeren Aufwand und oft ganz selbstverständlich zur Ko-Konstruktion mit Feedback-Schleifen.
Arbeitsstand, Aktivitäten, Diagnose
Die Ansicht „Arbeitsstand“ zeigt tabellarisch pro Lerneinheit und pro Person den aktuellen Stand: die Selbsteinschätzung der Lernenden und – optional – meine Einschätzung als Lehrperson.
Die Ansicht „Aktivitäten“ verdichtet, wer gerade woran arbeitet und wo Unterstützung gebraucht wird. Damit habe ich meine Kurse immer gut im Blick und kann z.B. per Chat ganz einfach der Gruppe oder Einzelpersonen Feedback geben.

Portfolio und Peer-Feedback
Portfolios gibt es als Kurs-Portfolios und als persönliche Portfolios; Seiten werden aus Texten, Bildern, Listen und einem Auswahlelement zusammengestellt, Inhalte lassen sich kommentieren, Portfolios per Link zum Anschauen teilen. Das ist für Prozessdokumentation, Produktportfolios und Projektarbeiten gedacht – und in der Oberstufe für Facharbeiten und Lernprozesse gerade im Seminarfach ausgesprochen brauchbar. Aktuell nutze ich bspw. im Leistungskurs Geschichte die Portfolio-Funktion als begleitenden Lernansatz – die Schülerinnen und Schüler notieren sich im Verlauf des Semesters Fragestellungen oder Probleme, die sie persönlich interessieren, und stellen sie dann in ihrem Portfolio für sich und den Kurs anschaulich dar.

Besonders hilfreich: Peer-Feedback ist als eigene Korrekturform angelegt und wird in LearningView zur Selbstverständlichkeit. Text- oder Audiofeedback ist möglich, optional mit Sternebewertung, und eine Aufgabe gilt erst als erledigt, wenn mindestens ein Feedback von Mitlernenden vorliegt. In der Klassenübersicht siehe ich als Lehrkraft die Feedback-Anzahl und den Durchschnitt, die Aktivitätsliste lässt sich nach Peer-Feedback filtern.
Kommunikation und Kleinwerkzeuge
Integriert sind Chats – Kurs-Chat, Gruppen-Chats, individuelle Chats – deren Inhalte nach Anbieterangabe intern verteilt und nicht an externe Dienste weitergegeben werden. Dazu kommt eine Reihe von Werkzeugen für den Präsenzunterricht, die man sonst über drei Apps verteilt: Gruppenbildung, Timer (ab drei Minuten auch auf den Schülergeräten sichtbar), Kurs-Dokumente für Brainstormings, ein QR-Code-Generator für Texte und Dateien. Seit Mai 2026 gibt es eine persönliche Lernkartei nach dem Leitner-System mit Text, Bild, Audio und Video; sie lässt sich pro Kurs deaktivieren. Lernende können außerdem Haftnotizen an Aufgaben anbringen, die ich als Lehrer sehe.
Schulverwaltung
Seit dem Schuljahr 2025/26 gibt es eine optionale Schulverwaltung: Hier lassen sich die Schule registrieren, Lehrpersonen einladen, Kurse zuordnen, duplizieren, archivieren und ggf. auch Vertretungen eintragen. Das ist alles sehr einfach gehalten, da LearningView eine Lernplattform und eben keine anderen Systemen (IServ etc.) vergleichbare Schulverwaltungsplattform ist.
Geräte
LearningView läuft im Browser und als App für iOS, Android, Windows, macOS und Linux. Lernende können sich mit Zugangsdaten oder über ausgedruckte Code-Karten mit QR-Code anmelden – für jüngere Jahrgänge ein ganz wichtiger Punkt, das funktioniert problemlos. Auf persönlichen Geräten bleibt man dann angemeldet.
Warum ist LearningView kostenlos und was ist mit dem Datenschutz?
Die Nutzung ist für Lehrkräfte und Lernende kostenfrei: keine Lizenzcodes, keine Mindestlaufzeiten, keine Setup-Gebühr, Updates inklusive, die durchaus empfehlenswerten Online-Workshops sind gratis. Das funktioniert, weil LearningView ein nichtkommerzielles Hochschulprojekt ist, getragen von der PH Schwyz und finanziert über Stiftungen und öffentliche Mittel.
Datenschutz
Für deutsche Schulen ist der Blick auf den Datenschutz wichtig – zugleich auch hinsichtlich möglichst unkomplizierter Einführung, wenn bspw. eine Schule im Rahmen der 1:1-Einführung in Niedersachsen viele Themen gleichzeitig bearbeitet und nicht auch hier noch bürokratische Hürden (Schulträger, Datenschutzbeauftragte, Elternkommunikation etc.) zusätzlich aufbauen möchte.
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- Hosting in Deutschland: Die technische Infrastruktur läuft bei der Hetzner Online GmbH im Rechenzentrum Falkenstein in Sachsen.
- Keine Serverlogfiles, keine Tracking-Cookies: Der Anbieter erhebt nach eigener Angabe bewusst keine Zugriffsdaten und setzt keine Cookies zu Werbe- oder Trackingzwecken.
- Kein Profiling, keine automatisierten Entscheidungen: Für Übersetzung und Vorlesefunktion werden lokal betriebene KI-Systeme genannt (OPUS-MT, Piper TTS) – die Daten verlassen das System also nicht.
- Keine Klarnamenpflicht: Konten lassen sich pseudonym anlegen; es gibt eine automatische Kurzform mit Initialen. Legt eine Lehrkraft Schülerkonten an, wird eine nicht funktionsfähige E-Mail-Adresse vergeben, die später ersetzt werden kann.
- Klare Löschfristen: Konto gelöscht plus 30 Tage Übergangsfrist; automatische Löschung nach drei Jahren Inaktivität, von Schulen auf ein oder zwei Jahre konfigurierbar. Von Lernenden erzeugte Daten sind für Lehrpersonen maximal zwei Jahre einsehbar und stehen danach nur noch den Lernenden selbst zur Verfügung. Chat-Nachrichten werden nach einem Jahr automatisch gelöscht.
- AV-Vertrag und Vorlagenpaket: Es gibt ein Muster für den Vertrag zur Auftragsverarbeitung sowie ein komplettes Dokumentenpaket für Schulen: Checkliste für Schulleitungen, eine ausgearbeitete Schutzbedarfsanalyse als Excel-Datei, Elterninformation, Merkblatt für Lehrpersonen, Merkblatt für Schülerinnen und Schüler – alles in bearbeitbaren Formaten, exemplarisch für eine fiktive „Schule Althausen“ durchgespielt. Die Ferstigstellung war für unsere Schule sehr unkompliziert und wurde vom Schulträger unmittelbar akzeptiert. Dieses Vorlagenpaket allein ist den Besuch der Seite wert, denn diese Unterstützung nimmt einem Kollegium mindestens zwei Dienstbesprechungen ab…;-)
Übrigens: Weil Konten pseudonym angelegt werden können, lässt sich der Einstieg fast vollständig datensparsam gestalten. Das medienpädagogische Zentrum des Landkreises Leipzig beschreibt genau dieses Vorgehen in einer deutschsprachigen Schritt-für-Schritt-Anleitung (Link unten).
Warum LearningView zu 1:1-Schulen passt
Für Schulen mit etablierten 1:1-Konzepten
Wer bereits ein tragfähiges Medienbildungskonzept hat, kämpft meistens nicht mehr mit der Frage „ob“, sondern mit Fragmentierung. Aufgaben in Teams, Materialien in der Cloud, Feedback per Kommentarfunktion, Portfolios in einer vierten App, Wochenpläne als PDF. Jedes Werkzeug für sich gut, in Summe eine Zumutung – vor allem für die Lernenden, die den Überblick über sechs Ablagelogiken behalten sollen.
LearningView bündelt genau die Kette, die im individualisierten Unterricht zusammengehört: Angebot – Auswahl – Bearbeitung – Abgabe – Rückmeldung – Dokumentation. Wochenplanarbeit, Lernlandschaften, Werkstatt- und Projektlernen lassen sich hier sowohl organisatorisch als auch diagnostisch abbilden. Für Schulen, die offene Lernformen bereits umsetzen, ist das keine neue Methode, sondern das häufig noch fehlende System darunter.
Für Schulen, die gerade mit 1:1-Konzept starten
Vermutlich der Fall, der in Niedersachsen ab diesem Schuljahr vielfach eintreten wird: Die Geräte werden im Jahrgang 7 eingeführt, das Kollegium ist gemischt motiviert, ein ausgearbeitetes Medienkonzept für 1:1 existiert nicht in der notwendigen Breite und Tiefe, und im nächsten Sommer kommt der nächste Jahrgang dazu. Ein Chaos, das wir aus den letzten (mindestens) 10 Jahren bestens kennen.
In meinen Augen ist die Baukastenlogik von LearningView gerade in solch einer Situation ein großer Vorteil. Denn LearningView erzwingt kein Konzept – es erlaubt, klein anzufangen und trotzdem in eine Richtung zu gehen, die sich später weiterentwickeln lässt:
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- Stufe eins: Eine Lehrkraft, ein Kurs, digitale Ablage von Material und Arbeitsaufträgen. Das ersetzt den Mailverteiler und die Dateiablage. Aufwand: eine Freistunde.
- Stufe zwei: Abgabe von Lernprodukten und Rückmeldung am Produkt. Damit ist der Feedbackkreis geschlossen, und die Lernenden merken zum ersten Mal, wie sich z.B. ein Tablet auch für einen ganzen Lernkreislauf ohne App-Wechsel und Hin- und Herspringen ganz nahtlos nutzen lässt.
- Stufe drei: Differenzierung über Niveauvarianten und Sichtbarkeiten. Ab hier verändert sich der Unterricht deutlicher als gedacht, überhaupt erst ermöglicht und vereinfacht in der Regel durch LearningView.
- Stufe vier: Selbsteinschätzung, Wochenplanung im Kalender, Portfolio. Ab hier verändert sich die Rolle der Lernenden deutlicher als zuvor, wenn LearningView selbständiges Lernen beginnt zu unterstützen.
- Stufe fünf: Gemeinsame Materialien und Symbolsprache im Kollegium. Ab hier verändert sich die kollegiale Zusammenarbeit und LearningView kann dann als Öffner ins Kollegium wirken, begeistert häufig auch skeptische Kolleginnen und Kollegen, die nun ganz einfach Kurse aus dem Kollegium übernehmen oder ihre eigenen Kurse mit anderen Lehrpersonen teilen und daran gemeinsam weiterarbeiten können.
Das ist ein Entwicklungspfad, den man an einer Schule ohne Medienkonzept beginnen kann, ohne sich zu verrennen. Jede Stufe ist für sich sinnvoll, keine setzt die nächste voraus, und natürlich ist dieser Weg auch nie so stringent wie beschrieben – aber die Stufen bilden doch ganz gut einen typischen Entwicklungsweg ab.
Ein wichtiger Nebeneffekt für Schulleitungen und Steuergruppen: Weil der Arbeitsstand als Excel exportierbar ist und die Struktur (Lernbereich → Lerneinheit → Thema) den üblichen schulinternen Arbeitsplänen entspricht, erzeugt die Arbeit mit LearningView nebenbei Material für das Medienkonzept, das noch in angepasster Form geschrieben werden muss. Man dokumentiert dann nicht mehr zusätzlich, sondern quasi nebenbei in der täglichen Unterrichtsarbeit.
Kooperation, Kreativität, Kommunikation – auf drei Ebenen
Man kann die 4K bemühen, aber ich halte es hier bewusst einfacher und pragmatischer und schaue auf drei Ebenen, auf denen in einer Schule die Zusammenarbeit gefördert werden sollte: Lehrkraft ↔ Lernende, Lernende ↔ Lernende, Lehrkraft ↔ Lehrkraft.
Für jede Ebene gibt es in LearningView konkrete Funktionen, die genau darauf abzielen und die sich unmittelbar durch die LearningView-Nutzung ergeben.
Ebene 1: Lehrkraft ↔ Lernende
Kommunikation läuft hier nicht über einen Verteiler, sondern am Lernprodukt. Feedback steht dort, wo die Arbeit liegt – als Kommentar, als Annotation im Bildeditor, als Audio. Der Chat ergänzt für Organisatorisches, ohne dass die Klasse auf WhatsApp ausweichen muss. Die Haftnotiz an der Aufgabe ist ein Mikrokanal für „Ich komme hier nicht weiter“, der niemanden vor der Klasse exponiert.
Kooperation entsteht über die Doppelperspektive auf den Arbeitsstand: Selbst- und Fremdeinschätzung nebeneinander, ohne Hierarchie in der Darstellung. Das ist die Grundlage für Lernentwicklungsgespräche, in denen nicht die Lehrkraft berichtet, sondern beide Seiten auf dieselbe Übersicht schauen. Eine Schweizer Praxisstimme auf der LearningView-Seite formuliert genau das: Die Plattform diene als wichtige Grundlage für Standortgespräche mit Lernenden und Eltern.
Kreativität kommt über die Abgabeform. Wenn eine Aufgabe mehrere Medien zulässt, entscheidet die Lernende über die Form ihres Denkens – Erklärvideo statt Text, Sprachaufnahme statt Aufsatz, annotierte Skizze statt Fließtext. Das ist die niedrigschwelligste Form von Differenzierung, die es gibt, und sie kostet dich als Lehrkraft genau einen Klick beim Anlegen der Aufgabe.
Ebene 2: Lernende ↔ Lernende
Hier liegt die interessanteste Funktion: Peer-Feedback als Erledigungsbedingung. Eine Aufgabe gilt erst als fertig, wenn Feedback von Mitlernenden vorliegt. Damit wird aus der guten Absicht ein Arbeitsablauf. Wer schon einmal versucht hat, Peer-Feedback in einer Klasse zu etablieren, kennt das Problem: Es ist immer das Erste, was wegfällt, wenn die Zeit knapp wird. Wenn es strukturell verankert ist, fällt es nicht weg.
Dazu kommen kollaboratives Schreiben mit Versionsverlauf, gemeinsam bearbeitbare Bilder und PDFs, Kurs-Portfolios, in denen eine Lerngruppe gemeinsam etwas aufbaut, Kurs-Dokumente für Brainstormings, Gruppenbildung und Gruppen-Chats. Und die Sozialform lässt sich pro Aufgabe ausweisen – Kooperation ist damit nicht Zufall, sondern Aufgabenmerkmal.
Ein Hinweis aus der Praxis: Der Versionsverlauf im Texteditor ist mehr als eine Sicherheitsfunktion. Er macht Schreiben als Prozess sichtbar – und ist damit im Zeitalter generativer KI eines der wenigen Instrumente, mit denen man über Entstehung statt nur über Ergebnisse sprechen kann.
Ebene 3: Lehrkraft ↔ Lehrkraft
Diese Ebene wird bei Plattformentscheidungen fast immer vergessen, ist in meinen Augen mit Blick auf kollegiale Unterrichtsentwicklun und Professionalisierung aber die Ebene, die über (schulinterne) Nachhaltigkeit entscheidet. LearningView bietet:
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- gemeinsame Kurse mit gleichberechtigten Lehrpersonen (Team-Teaching, Doppelbesetzung, Vertretungsfall)
- Teilen und gemeinsames Weiterentwickeln von Materialien im Kollegium – über die Schulverwaltung vereinfacht
- Kurse als Fortbildungsräume: Ein Kurs muss keine Klasse sein. Eine Fachgruppe kann sich einen Kurs anlegen und ihre eigene Fortbildung genau in dem Werkzeug erleben, das sie später mit Lernenden nutzt. Das ist die wirksamste Form von Mikrofortbildung, die ich kenne: Man lernt die Plattform aus der Lernendenperspektive kennen.
- eine gemeinsame Symbolsprache: Weil LearningView Farben, Icons und Zusatzsymbole anbietet, ohne ihre Bedeutung vorzuschreiben, kann ein Kollegium sie selbst festlegen. Wenn Grün an dieser Schule immer „Grundniveau“, das Sternchen immer „Vertiefung“ und das Uhrensymbol immer „braucht mehr als eine Stunde“ heißt, dann müssen die Lernenden ab Jahrgang 7 diese Sprache einmal lernen und nicht bei jeder Lehrkraft neu. Das ist ein winziges Schulentwicklungsprojekt mit riesigem Alltagsertrag – eine Vorlage dafür findet ihr unten.
Was andere Schulen und Lehrpersonen machen
mia4u.ch – „LearningView: Das Lernen organisieren“ Eine ausgearbeitete Unterrichtseinheit des Schweizer Portals mia4u, entstanden aus der Praxis der PICTS Karin Oeschger (Oberglatt) und Samantha Müller (Ueken). Beschrieben werden persönliche, kinderfreundlich strukturierte Lernpläne, der Einstieg für Lernende inklusive Informationsblatt, Anleitungsvideos und – besonders nützlich – eine Bildschirmfoto-Galerie mit der ganzen Bandbreite möglicher Aufgabenformate. Enthalten sind außerdem Reflexionsfragen für das Gespräch mit Lernenden über die Arbeit im virtuellen Klassenzimmer.
Schule Hedingen (ZH) – Schulwiki Eine 1:1-iPad-Schule dokumentiert öffentlich ihre Werkzeuglandschaft. Der LearningView-Eintrag beschreibt die Plattform konsequent aus der Perspektive der Arbeits- und Wochenplanarbeit: Aufgaben in kleinen Lernschritten, die trotzdem im Kontext eines großen Lernziels stehen. Dazu Einführungsvideos und Symbolübersichten für Lehrpersonen und Lernende. Ein gutes Beispiel dafür, wie eine Schule Werkzeugentscheidungen für das eigene Kollegium dokumentiert.
Medienpädagogisches Zentrum Landkreis Leipzig Die brauchbarste deutschsprachige Einstiegsanleitung aus deutscher Perspektive: Kurs anlegen, Lernende aus einer Textliste erzeugen, konsequent pseudonym. Wer im Kollegium die Frage „Und der Datenschutz?“ beantworten muss, findet hier den pragmatischen Weg.
itlehrer.de – „Digitaler Unterricht mit LearningView“ Eine frühe deutsche Auseinandersetzung aus einer schulischen Arbeitsgruppe „Unterricht 4.0″, die LearningView als Alternative zu limitierten kommerziellen Tools geprüft hat – inklusive datenschutzrechtlicher Ersteinschätzung. Historisch, aber lehrreich für den typischen Entscheidungsprozess an einer Schule.
PraxisPerlen – Schulen öffnen ihre Türen Das interessanteste Format überhaupt für Schulen, die vor der Einführung stehen: In 90-minütigen Online-Workshops stellen Schulen ihre erprobten Unterrichtskonzepte und Entwicklungsprozesse vor – mit konkreten Unterrichtsbeispielen, den didaktischen Entscheidungen dahinter und einer offenen Diskussion über Grenzen und Herausforderungen. In Workshop 4 gibt etwa Heidi Kölliker (Sek I March) Einblick in ihre Arbeit mit LearningView in der Lernlandschaft. Das Projekt wird von der Ernst Göhner Stiftung und der Asuera Stiftung gefördert. Kostenfrei, offen, ohne Vertriebsanteil.
Projektschule Goldau Die Ursprungsschule. Seit 2009 laufen hier Projekte mit persönlichen Digitalgeräten, seit 2013/14 unter dem Motto „Brings mIT!“ als BYOD-Setting. Wer wissen will, wie das Denken aussieht, aus dem LearningView entstanden ist, liest hier.
educa Navigator – der Schweizer Anwendungssteckbrief Die strukturierte, unabhängige Bewertung entlang von Datenschutz-, Interoperabilitäts- und Funktionskriterien. Nützlich als Argumentationshilfe gegenüber Schulträgern.
Warum LearningView eine Plattform für Unterrichtsentwicklung in der Digitalität ist
Felix Stalder beschreibt in Kultur der Digitalität (2016) drei Formen, die digitale Kultur prägen: Referentialität (Bedeutung entsteht durch Auswählen und Neuzusammensetzen vorhandenen Materials), Gemeinschaftlichkeit (Bedeutung wird in Gemeinschaften ausgehandelt und stabilisiert) und Algorithmizität (Algorithmen filtern und ordnen die Informationsmengen vor, in denen wir uns bewegen).
Betrachtet man LearningView aus dieser Perspektive, wird etwas Interessantes sichtbar:
Referentialität ist in der Grundoperation angelegt. Lernende wählen aus einem Aufgabenpool, entscheiden über Niveau und Repräsentationsform, sammeln Ergebnisse und setzen sie im Portfolio neu zusammen. Damit werden Auswahl und Rekombination unterschiedlichster Materialien und Quellen zum Normalfall.
Gemeinschaftlichkeit hat gleich drei Adressen: Peer-Feedback als Erledigungsbedingung, kollaboratives Schreiben mit Versionsverlauf, und – oft übersehen – geteilte Materialien im Kollegium. Ich erlebe das auch als einen Boost für kollegiale Zusammenarbeit.
Algorithmizität ist der spannendste Punkt, weil LearningView hier eine bewusste Auslassung vornimmt. Es gibt kein Profiling, keine automatisierten Entscheidungen, keine adaptive Freischaltlogik, keine Empfehlungsalgorithmen. Der Anbieter lehnt eine technische Zwangsreihenfolge als Grundprinzip ausdrücklich ab. Wer ein Mastery-System mit automatischen Voraussetzungen z.B. für automatisiert adaptives Lernen sucht, ist hier falsch. Und es ist ein Verzicht mit Gewinn: Die Vorstrukturierung des Lernwegs bleibt bei der Lehrperson und der Lerngruppe, sie wandert nicht in eine digitale Blackbox. In einer Zeit, in der adaptive (KI-)Lernsysteme sich als didaktisch neutral präsentieren, ist das eine pädagogische Positionierung, die ich gerade in Zeiten von KI sehr überzeugend finde.
Und nicht zuletzt Beat Döbeli Honegger argumentiert seit Mehr als 0 und 1 (2016) gegen die Verkürzung der Digitalisierungsdebatte auf Werkzeugfragen. Sein Punkt: Es geht um einen Leitmedienwechsel, also um eine Veränderung dessen, was in einer Gesellschaft als Wissen, Können und Kulturtechnik gilt – und Schule reagiert darauf nicht sinnvoll, indem sie Analoges digitalisiert.
Für mich folgen daraus auch nach 10 Jahren schulinterner Digitalisierung/Digitalität zwei Dinge:
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- Die häufig als Buzzword genannte „1:1-Ausstattung“ ist eine Voraussetzung, kein Ziel. Die Geräte aus dem niedersächsischen Programm sind nicht das Projekt, sie machen das Projekt erst möglich.
- Tools und Plattormen, die aus 1:1-Praxis heraus entstanden sind, tragen andere Annahmen in sich als Werkzeuge, die für Computerräume gebaut und dann angepasst wurden. LearningView kommt aus einem wissenschaftlichen Institut, das die Projektschule Goldau seit 2009 begleitet. Man merkt es an Details wie den Code-Karten, der Selbstverständlichkeit von Peer-Feedback, Kamera und Mikrofon als Abgabeform, die hier von Anfang an Lernprozesse anders strukturieren. Natürlich ist es mit LearningView auch möglich, klassischen Unterricht mit LV als reiner Materialsammlung zu organisieren – aber schon die Plattform an sich lädt dazu ein, genau diese Ebene zu verlassen.
4 K – mal ganz praktisch
Die Rede von Kollaboration, Kreativität, Kommunikation und kritischem Denken bleibt oft Absichtserklärung. Der Unterschied liegt dann wohl in dem (entscheidenden) Detail, ob eine zu fördernde Kompetenz in den Arbeitsablauf implizit eingeplant ist. Auch hier zeigt das Beispiel LearningView: Peer-Feedback als Grundbedingung ist eingebaut, die freie Wahl der Abgabeform ebenso, Selbsteinschätzung ist gleichwertig neben der Fremdeinschätzung mit eingeplant, ein weiterer Fokus liegt in diversen Chatformaten für Kommunikation auf allen Ebenen.
Angebot und Nutzung: Sichtbarkeit als Kernelement
Andreas Helmkes Angebots-Nutzungs-Modell unterscheidet, was Unterricht anbietet, von dem, was Lernende daraus machen. Der zweite Teil ist der entscheidende – und normalerweise der unsichtbare Part. In meinen Augen liegt hier die eigentliche Leistung von LearningView: Der Arbeitsstand und die Aktivitätenansicht machen die Nutzungsseite quasi live sichtbar, ohne dabei (zumindest in meinem Fall kann ich das bestätigen) zur Kontrolle zu verleiten, und verstärken durch Interaktionsmöglichkeiten und Live-Unterstützung auch die Relevanz der über LearningView begleiteten (Lern-)Aufgaben.
So kann ich bspw. auch unterwegs (wie hier am Flughafen Málaga) mit meinem Kurs zusammenarbeiten, direkt in der Aufgabe schon Feedback geben oder auf anderweitige Fragen antworten.
Und weil John Hatties Befunde zur Wirksamkeit von Feedback so oft zitiert und so selten umgesetzt werden, sei nochmal dessen Grundbedingung genannt: Feedback wirkt, wenn es zeitnah, aufgabenbezogen und für Lernende handhabbar ist. Ein System, in dem Feedback direkt am Lernprodukt punktuell gegeben werden kann und in dem Lernende ihre Abgabe überarbeiten können, ohne die Aufgabe neu beginnen zu müssen, erfüllt diese Bedingung aus meiner Sicht strukturell.
Und zur Einordnung: „digitaler Ersatz“ statt „Digitalität“
Man kann LearningView auf dem Niveau „digitaler Ersatz“ betreiben – als PDF-Verteiler mit Rückkanal. Das funktioniert, und es ist der wahrscheinlichste Zustand nach acht Wochen an einer Einsteigerschule. Es ist auch nicht schlimm, solange es Stufe eins bleibt und nicht Endzustand wird. Die Funktionen, die über Substitution hinausführen – Niveauvarianten, freie Abgabeform, Peer-Feedback, Portfolio, Selbsteinschätzung – sind alle vorhanden, schalten sich aber nicht von selbst ein. Das ist die Konsequenz einer Plattform, die als Baukasten zum Instrument für Schulentwicklung wird: Sie kann uns nicht besser machen, als wir sie benutzen – sie kann aber sehr wohl die Voraussetzungen für professionelle Entwicklung schaffen.
Was LearningView nicht ist
Kurz und deutlich, damit niemand mit falschen Erwartungen startet:
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- Kein Lehrwerk. Es kommen keine Inhalte mit. Ihr baut eure Lernumgebung selbst.
- Kein adaptives System. Keine automatische Freischaltung, keine Mastery-Gates, keine standardisierte Diagnostik.
- Kein Schulverwaltungssystem. Kein Notenbuch im engeren Sinn, keine Zeugnisse, kein Klassenbuch – bei uns in der Schule dient LearningView wirklich nur als Lernplattform und strukturiert Unterricht und Lernen. IServ oder WebUntis bleiben als Schulverwaltung bestehen und können ihre Stärken in diesem Bereich ausspielen.
- Keine Kommunikationszentrale für Eltern. Der Chat ist für Kurs und Lerngruppe gedacht, hier bleiben wir unter uns.
- Keine Lösung eurer Drittanbieterfragen. Wer YouTube, externe Tools und interaktive Kataloge einbindet – alles offen in LearningView möglich – muss diese selbst prüfen.
- Individuelle Schulfortbildungen bietet das LearningView-Team derzeit nur für Schulen in der Schweiz an. Für deutsche Schulen bleiben die kostenlosen Online-Workshops, das Forum und – schulintern – die eigene Multiplikatorenlogik als Fortbildungsmöglichkeit. Und wenn dann doch mal externe Expertise notwendig ist, könnt Ihr ja ggf. auch mal hier anfragen. Meist, und das ist mir sehr wichtig, kann eine solche Professionalisierung aber bestens schulintern gelöst werden!
Ein Realitätscheck noch: Die App-Bewertungen im deutschen App Store sind gemischt. Das liegt erfahrungsgemäß weniger an der Plattform als an Schulen, die sie als reinen Aufgabenverteiler einsetzen und dann feststellen, dass ein Aufgabenverteiler langweilig ist. Genau deshalb sind der Einführungsprozess und die gemeinsame Klärung der Entwicklungsziele mit einem LMS wichtiger als die Toolentscheidung. Wir haben diesen Fehler auch mindestens einmal bereits (sehr kostenintensiv) gemacht und sind jetzt mit LearnigView sehr glücklich.
Wie starten wir? Ein realistischer Fahrplan
Woche 1 – allein ausprobieren. Lehrkonto anlegen, einen Kurs erstellen, drei Aufgaben bauen, dich selbst als Testschüler anmelden. Eine Stunde, mehr nicht.
Woche 2–4 – eine Lerngruppe, eine Reihe. Eine Lerneinheit vollständig abbilden, mit Abgabe und Rückmeldung. Noch keine Differenzierung, noch kein Portfolio. Nur: Angebot – Abgabe – Feedback.
Woche 5–8 – differenzieren. Niveauvarianten in einer Aufgabe, Sichtbarkeiten für einzelne Lernende, freie Abgabeform bei mindestens einer Aufgabe. Ab hier merkt ihr, ob euch die Plattform trägt.
Parallel – die formale Seite. Checkliste für Schulleitungen abarbeiten, Schutzbedarfsanalyse anpassen, AV-Vertrag über die Schulverwaltung anfordern, Elterninformation und Merkblätter an die eigene Schule anpassen. Alle Vorlagen liegen fertig bereit: https://learningview.org/vorlagen
Nach acht Wochen – im Kollegium. Eine Fachgruppe oder ein Jahrgangsteam als Kurs anlegen und die eigene Fortbildung in LearningView durchführen. Danach: Symbolsprache verabreden, um aus einem Tool / einer Plattform ein Instument für (gemeinsame) Unterrichtsentwicklung zu machen.
Termine: Die kostenlosen Online-Workshops „LearningView kompakt erklärt“ und „Individualisieren mit LearningView“ laufen regelmäßig; die nächsten Termine stehen auf der Weiterbildung-Website. Für Schulen vor der Entscheidung sind die „PraxisPerlen“-Workshops wohl die bessere Wahl, weil dort Schulen und nicht Entwickler sprechen.
Fazit
Niedersachsen verteilt ab diesem Schuljahr persönliche Endgeräte (zumeist wohl iPads) an alle Siebtklässlerinnen und Siebtklässler. Das ist der größte Hebel, den Schulen in diesem Land seit Langem bekommen haben – zugleich kann dieser Hebel aber ins Leere laufen oder sogar ins Gegenteil umschlagen, wenn die Frage nach der Lernplattform als Beschaffungsfrage und nicht als didaktisch-(medien-)pädagogische Grundsatzfrage behandelt wird.
LearningView ist kein Wundermittel. Aber es ist ein intuitiver Baukasten aus einem Hochschulinstitut, das seit über fünfzehn Jahren mit persönlichen Geräten in echten Klassen arbeitet. Die Plattform kostet nichts, liegt auf einem Server in Deutschland, bringt ein vollständiges Datenschutz-Vorlagenpaket mit, verzichtet bewusst auf Profiling und adaptive Steuerung – und zwingt Kolleginnen und Kollegen zu nichts. Genau das ist Stärke und Schwäche von LearningView zugleich.
Für eine Schule, die schon ein Konzept hat, ist LearningView das fehlende Betriebssystem unter der Werkzeuglandschaft. Für eine Schule, die im Sommer 2026 oder 2027 zum ersten Mal 120 Tablets in Jahrgang 7 bekommt und noch kein passendes Medienkonzept hat, ist LearningView etwas besonders Wertvolles: ein Werkzeug, mit dem man klein anfangen kann, ohne sich die Richtung zu verbauen, und mit dem man gemeinsam in das Abenteuer Professionalisierung unter Bedingungen der Digitalität einsteigen kann.
Und noch als letzter Tipp: Verabredet euch gleich zu Beginn im Kollegium auf eine gemeinsame Symbol- und Farbsprache in LearningView, bevor die dritte Lehrkraft ihren ersten Kurs anlegt. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Symbole und Farben bei den Schülerinnen und Schülern für so viel Orientierung sorgen (und arbeite an der Einhaltung unserer schulinternen „Farbregelung“ auch selbst noch…).
Dieser Beitrag steht unter CC BY-SA 4.0. Über Ergänzungen, Widerspruch und eigene Praxisbeispiele freue ich mich – gerne in den Kommentaren oder über die üblichen Kanäle.
Quellen und weiterführende Links
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- LearningView: https://learningview.org
- Erste Schritte für Lehrpersonen: https://learningview.org/firststeps.php
- Vorlagen und Dokumente für Schulen: https://learningview.org/vorlagen.php
- Weiterbildung und PraxisPerlen: https://learningview.org/weiterbildung.php
- Projektschule Goldau: https://www.projektschule-goldau.ch/
- educa Navigator: https://navi.educa.ch/application/learningview
- Niedersächsisches Kultusministerium, Ausstattungsprogramm: https://bildungsportal-niedersachsen.de/digitale-welt/ausstattung-endgeraete
- Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp.
- Döbeli Honegger, Beat (2016): Mehr als 0 und 1. Schule in einer digitalisierten Welt. Bern: hep.
- Helmke, Andreas: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Seelze: Klett-Kallmeyer.



