Die gymnasiale Oberstufe in Niedersachsen wird ab 2027 modernisiert – mit klaren Zielen: individuelle Förderung, Flexibilität und Entlastung genauso wie selbstverständliche Integration digitaler Technologien unter den Vorzeichen Künstlicher Intelligenz. Dementsprechend fielen auch die Pressemeldungen aus:

Doch was steht in der Ankündigung? Das Kultusministerium ordnete dazu am 05.12.2024 in einer Presseinformation grundlegend ein: „Ziel ist es, die Oberstufe an die aktuellen gesellschaftlichen und beruflichen Anforderungen anzupassen. Dabei soll es unter anderem um eine stärkere individuelle Profilbildung der Schülerinnen und Schüler bei der Fächerwahl gehen. Ebenso stehen die Verbesserung der Chancengleichheit, das Schaffen von Freiräumen und Entlastung sowie die Anpassung an gesellschaftliche und technische Entwicklungen und die Förderung von Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler auf die Zukunft vorbereiten, im Mittelpunkt.“

Für die Schulen mit gymnasialer Oberstufe in Niedersachsen ist natürlich besonders relevant, was konkret geplant ist. Und die geplanten, nach breitem Medienecho dann auch an die Schulen per Mail „vorab“ versandten, Veränderungen haben es in sich:

➡️ Wahlfreiheit statt Zwang: Schülerinnen und Schüler können ihre Prüfungsfächer freier wählen. Starre Fachkombinationen entfallen. Ziel: eine individuelle Profilbildung entsprechend Interessen und Talenten.

➡️ Fokus auf mündliche Kompetenzen: Einführung eines zweiten mündlichen Prüfungsfachs (P4, P5), um Kommunikationsfähigkeiten und Interaktion zu stärken.

➡️ Neue Prüfungsformate: „Kombinierter Leistungsnachweis“ ersetzt Facharbeiten und Seminarfächer. Verknüpfung von schriftlichen und mündlichen Aufgaben fördert Kreativität, Kollaboration und kritisches Denken.

➡️ Klausuren reduziert: In Leistungskursen (P1-P3) nur vier Klausuren über die gesamte Qualifikationsphase, in Grundkursen keine Klausuren mehr. Leistungsbewertung erfolgt stärker durch „sonstige Mitarbeit“.

➡️ Flexibilität für Schulen: Freiräume in der Unterrichtsgestaltung ermöglichen schulspezifische Angebote wie fächerübergreifende Kurse (z. B. „Astrophysik“ oder „Biochemie“).

➡️ KI sinnvoll einsetzen: KI wird in Lernprozesse integriert, z. B. bei kreativen und kollaborativen Aufgaben, um Schülerinnen und Schüler auf moderne Anforderungen vorzubereiten.

Damit soll die zum Schuljahr 2006/2007 eingeführte Profiloberstufe in Niedersachsen wieder Geschichte werden. Detaillierter lassen sich die Eckpunkte zur Ausgestaltung der neuen Oberstufenverordnung auch auf der Website des Kultusministeriums nachlesen: Eckpunkte für die Ausarbeitung der Verordnung.

Chance und Herausforderung: Entwicklung im disruptiven Wandel

Diese Reform ist ein wichtiger und richtiger Schritt in Richtung zukunftsfähiger Bildung und wird die gymnasiale Oberstufe deutlich flexibler und schülerorientierter gestalten. Das ist ein Wunsch, den viele an Schulentwicklung interessierte Lehrkräfte schon länger artikulieren und der spätestens durch den KMK-Beschluss zur Vereinheitlichung des Abiturs aus dem März 2024 auch notwendig wurde. Ebenso greift die Reform die von der KMK erst kürzlich verabschiedeten „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit KI“ auf – das ist gerade hinsichtlich der teils so radikalen (z.B. mit Blick auf schulische Prüfungskultur) wie konkreten KMK-Hinweise ein folgerichtiger Schritt.

Unter den Bedingungen von Künstlicher Intelligenz, deren Einzug die niedersächsischen Schulen bislang weitgehend unvorbereitet trifft, geht die nun vorgestellte Reform aber weit über eine einfache Anpassung hinaus: Sowohl die Qualifikationsphase zum Abitur als auch die Abiturprüfungen an sich werden sich grundlegend verändern, wenn die bislang starren Profilstrukturen zugunsten einer freieren Fächerwahl, die Schriftlichkeit in Form von Klausuren zugunsten „sonstiger Mitarbeit“ und das schriftliche Prüfungsfach P4 zugunsten einer weiteren mündlichen Prüfung aufgebrochen werden. Und mit der Abschaffung der Facharbeit, die bislang im Rahmen des Seminarfachs ein zentrales Fundament des genuin wissenschaftspropädeutischen Anspruchs der gymnasialen Oberstufe aller Schulformen ist, wird die Förderung gerade in KI-Zeiten essentieller Kompetenzen noch relativ diffus in den (dreistündigen) Grundkursbereich P4/P5 verschoben.

Das verdeutlicht: Der Transformationsdruck durch Digitalität und KI ist so groß, dass auch die traditionell träge und häufig durch Verantwortungsdiffusion geprägte Bildungssteuerung reagieren muss und reagiert. Doch es scheint ebenso, als stünden nun Tiefe und Geschwindigkeit von Veränderung, weniger aber deren Reflexion in Form eines Mitwirkungsprozesses innerhalb des Schulsystems, als Qualitätsmerkmal im Vordergrund. Anders lässt sich die vollständige Abschaffung des Seminarfachs nicht erklären.

Falsches Signal: Abschaffung des Seminarfachs und der Facharbeit

Denn was ich ausdrücklich nicht unterschreibe: Die Abschaffung des Seminarfachs erscheint mir gerade unter den Bedingungen von Künstlicher Intelligenz als falsches Signal und getrieben von einer Entwicklung, in der man das Heft des Handelns offensichtlich nicht mehr aktiv in der Hand halten möchte. Denn: Insbesondere im Seminarfach können wir das Verständnis von und die Begeisterung für Wissenschaftlichkeit (gerade trotz, wegen und mit KI) im Rahmen der Facharbeit wecken. Diese nun abzuschaffen anstatt den Erarbeitungsprozess zu stärken, erscheint mir sowohl aus pädagogischer als auch wissenschaftspropädeutischer Sicht eher als Kapitulation denn als Stärkung „pädagogischer Verantwortung“ (NSchG).

Dass diese pädagogische Verantwortung ernst genommen wird, zeige u.a. auch ich als Tutor, Oberstufenkoordinator und interessierter Lehrer in meinem Blogbeitrag zur „Wissenschaftliches Arbeiten und die Facharbeit unter den Bedingungen Künstlicher Intelligenz“, der auch in der SchulVerwaltung Niedersachsen erschien. Die Liste der Kolleginnen und Kollegen, die das Seminarfach als Ausgangspunkt für das Lernen mit und über KI ansehen und gestalten, ist lang und in Social Media gut dokumentiert. Fundiert angelegte Seminarfach-Projekte wie das unter Leitung von Klaas Wiggers entstandene KI-Projekt am Gymnasium an der Willmsstraße in Delmenhorst werden sich kaum in den gA-Unterricht integrieren lassen, da gerade das zweistündige Seminarfach für fachunabhängige Projektarbeit geeignet ist.

Genauso ist die Veränderung von Seminarfach und Facharbeit kontinuierliches Thema in der Arbeitsgemeinschaft Göttinger Oberstufenkoordinationen. Erste Überarbeitungsstufen für das Arbeiten mit und über KI sind bereits an allen Schulen umgesetzt – das Abschaffen des Seminarfachs stand hier über alle Schulformen hinweg zu keinem Zeitpunkt zur Disposition, ganz im Gegenteil.

Was aber neben allen Ankündigungen fehlt: Hinweise zur Arbeit mit digitalen Medien in der Qualifikationsphase. Der aktuell gültige Erlass zur Nutzung digitaler Endgeräte in Prüfungssituationen degradiert digitale Endgeräte zu Hilfsmitteln (Wörterbuch etc.), verhindert damit aber echte Digitalität in Prüfungssituationen (im Schreibprozess für Texterstellung und Textüberarbeitung, für Referenzen und ggf. auch Co-Kreation mit KI). Es ist zu vermuten, dass auf allen Ebenen der Bildungssteuerung der Mut fehlt, die digitale Erarbeitung in Prüfungssituationen endlich so umzusetzen, wie es in Studium und Berufsleben seit Langem Alltag ist. Die Facharbeit stellte bislang ein Format dar, dass genau dieser (digitalen) Arbeitsweise bereits sehr nahe kam und die dafür notwendigen Kompetenzen anbahnte.

Von der starren Profiloberstufe zur flexible(re)n Oberstufe – gemeinsam von der Disruption zum kontinuierlichen Wandel?

Ich freue mich darauf, als Oberstufenkoordinator für die Jahrgänge 11-13 diese lang erwartete Reform mitgestalten und umsetzen zu können – denn ich hatte kaum erwartet, dass die starre Oberstufe einer solch grundsätzlichen Reform unterzogen werden könnte. Ich freue mich auch darauf, dies gemeinsam und schulformübergreifend mit den Kolleginnen und Kollegen aller gymnasialen Oberstufen angehen zu können und gemeinsam Prüfungsformate und echten Fächerübergriff zu planen. Das werden spannende Jahre!
Es ist außerdem zu hoffen, dass von von den praxisnahen Neuerungen und mehr Freiräumen am Ende alle profitieren – vor allem aber die Schülerinnen und Schüler, die „ihre“ Oberstufe freier und flexibler gestalten können. Diesen Prozess begleite ich sehr gerne als Koordinator.

Mit Blick auf systematische Schulentwicklung bereiten das bislang gewählte top-down-Vorgehen und die Kommunikationspolitik aber Sorgen…


Und aus der Perspektive systematischer Schulentwicklung?


Schulentwicklung in Zeiten von KI…

Dafür müssen wir ergänzend noch von der kleinen zur großen Ebene kommen: Den gerade in Zeiten von Digitalisierung, Digitalität und KI als zunehmend disruptiv empfundenen Wandel bestenfalls als kontinuierlichen Wandel zu gestalten, ist eine der großen Aufgaben – von der Ebene der Schulpolitik bis zur Einzelschule: So fordert die niedersächsische Kultusministerin mit Blick auf KI völlig zurecht: „Wir werden sie künftig haben. Das heißt, wir müssen lernen, mit ihr umzugehen.“ Und die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK konkretisiert: „Dazu müssen zeitnah der rechtssichere Zugang ermöglicht, lernförderliche Nutzungsszenarien geschaffen und Fortbildungen für Lehrkräfte forciert werden.“ (SWK 2024, S. 19). Davon sind wir in Niedersachsen noch weit entfernt und die Abschaffung des Seminarfachs ist in diesem Kontext eher Teil des Problems als der Lösung. Das Seminarfach war meiner Erfahrung nach gerade in den letzten Jahren entscheidende Triebfeder neuer Arbeitsformen, kollaborativer Formate, zeitgemäßer Prüfungsformate – gerade auch mit Blick auf KI. Denn der genuin per Oberstufenverordnung angelegte Fächerübergriff des Seminarfachs zwang und motivierte zugleich gerade in den Gymnasien mit ihrem traditionell stark verwurzelten Fächerdenken zum Verlassen der ausschließlich fachbezogenen Perspektive, zur Öffnung des Lernens, zum Erproben neuer Prüfungsformate und zum kollegialen Austausch. Diese Möglichkeit zu kappen, bedeutet, einen Treiber von Unterrichtsentwicklung zu kappen. Fraglich ist, wie die neue „integrierte Lösung“ in Grundkursen dies aufzufangen vermag – oder handelt es sich letztlich nur um eine Sparmaßnahme?

Zugleich betont der Schulentwicklungsforscher Prof. Hans-Günter Rolff, dass „Reformen, die bis in die Tiefe von Verhaltensänderungen und in die Breite von Nachhaltigkeit realisiert werden sollen, […] der Schulentwicklung (bedürfen)“ (Rolff 2020, S. 10). Das ist insofern wichtig, als systematische Schulentwicklung immer die Verzahnung von Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Unterrichtsentwicklung bedeutet – die als zusammenhängende und sich gegenseitig beeinflussende Prozesse verstanden werden. So lautet eine seiner Kernthesen, das weniger zentral administrierte Schulreformen zum Gelingen beitragen, als vielmehr konkrete Maßnahmen der Schulentwicklung seitens der Einzelschule. Das war im bisherigen Digitalisierungsprozess, in dem die Schulen weitgehend auf sich gestellt waren, auch teilweise erfolgreich. Und so ist zu vermuten, dass größere Teile der Reformarbeit am Ende wieder bei den Schulen liegen werden – nicht zuletzt, wenn es um die Entwicklung neuer Prüfungsformate, Fächerübergriff und KI-Integration geht. Ein komplexeres Unterfangen, als es kurze Eckpunkte zur Reform vermuten lassen.

…braucht Freiräume, Rechtssicherheit, Begleitung und gelingende Kommunikation.

Denn jetzt steht die gymnasiale Oberstufe in Niedersachsen vor einer grundlegenden, zentral gesteuerten Reform, die ganz offensichtlich unter dem Druck äußerer Bedingungen geplant und top-down gesteuert wird. Es bleibt zu hoffen, dass die in den ersten Eckpunkten skizzierten, durchaus positiven „Freiräume“ am Ende nicht bedeuten, dass die Umsetzungs- und Konzeptarbeit für ein „modernes Abitur“ auf Grundlage einer offen formulierten Oberstufenverordnung an die „eigenverantwortliche Schule“ ausgelagert wird. Die ebenfalls fokussierte „Entlastung“ im Sinne „zeitgemäßer“ Zusammenarbeit bedeutet in meinen Augen auch, dass

    • präzise, fundierte und unmissverständlich auszulegende Verordnungen und Erlasse,
    • echte Freiräume durch vorstrukturierte, rechtssichere Optionen für die Einzelschule oder
    • qualifizierte Begleitung durch die Schulaufsicht bei der Planung und Umsetzung „zeitgemäßer“ Kurs- und Prüfungsformate sowie
    • Transparenz im Verfahren durch gelingende Kommunikation innerhalb des Schulsystems

keinen Widerspruch darstellen und als selbstverständlicher Teil des Prozesses angesehen werden sollten.

Nachtrag: Dass die Schulen und Kollegien erst im Nachgang der Pressemeldungen über die Eckpunkte der Reform, die bereits im nächsten Jahr ins Anhörungsverfahren gehen soll, am Folgetag per Mail informiert wurden, erscheint mit Blick auf gelingende Kommunikation weniger zeitgemäß.

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