Philipp Sölken (KGS Pattensen), Sven Sekula (IGS Franzsches Feld Braunschweig), Hauke Pölert (Theodor-Heuss-Gymnasium Göttingen) u.a. Sek. II-Koordinatoren.
Aus der Schulpraxis wenden wir uns an alle Beteiligten im Verfahren mit einem Anliegen, das uns und unsere Schülerinnen und Schüler gleichermaßen betrifft: die geplante Abschaffung des Seminarfachs im Rahmen der angekündigten Oberstufenreform in Niedersachsen.
Mit diesem Brief möchten wir darlegen, warum es aus unserer Sicht wichtig ist, die Ziele und Inhalte des Seminarfachs in modernisierter Form neu zu implementieren und dieses (fachunabhängige) Fach zu erhalten.
Das Seminarfach bietet eine einzigartige Plattform für die Entwicklung von Kompetenzen, die nicht nur für ein erfolgreiches Studium, sondern auch für den Eintritt in das Berufsleben von zentraler Bedeutung sind. Es fördert wissenschaftspropädeutisches Arbeiten im schulischen Kontext und erlaubt Schülerinnen und Schülern, analytische, kreative und kommunikative Fähigkeiten in einem strukturierten fachübergreifenden Rahmen zu erproben. Studierfähigkeit, eigenständiges Arbeiten und die gezielte Nutzung digitaler Medien, inklusive der reflektierten Anwendung von (generativer) Künstlicher Intelligenz (KI), sind essenziell für die Herausforderungen der modernen Bildungs- und Arbeitswelt. Vergleiche dazu die Handreichung des MK für das Seminarfach aus dem Jahre 2006.
Eine Überarbeitung des evtl. auch anders zu bezeichnenden „Seminarfaches“ bietet die Chance, die Bildungsziele der Kultusministerkonferenz (KMK) zu unterstützen, insbesondere in Bezug auf den Umgang mit KI. Die KMK-Handlungsempfehlungen (2024) betonen die Notwendigkeit, Prüfungsformate weiterzuentwickeln, um eigenständige Leistungen der Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten. Das neue Fach wäre eine ideale Möglichkeit, innovative Ansätze zu erproben, die diesen Anforderungen gerecht werden. Ideen für den Umgang mit (generativer) KI bei Facharbeiten finden sich im aktuellen Leitfaden, den auch Kollegen aus Niedersachsen mit konzipiert und erarbeitet haben, genauso wie im von Hauke Pölert verfassten Beitrag „Facharbeit und KI“ in SchulVerwaltung 03/2024 bzw. im Blogbeitrag „KI und wissenschaftliches Arbeiten – Gedanken zur Facharbeit im Seminarfach“.
Darüber hinaus bietet das Seminarfach Möglichkeiten zur Stärkung von Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung. Projekte können über den klassischen Rahmen hinausgehen – durch Experimente, Umfragen oder Kooperationen mit außerschulischen Partnern wie Universitäten, Firmen oder kulturellen Einrichtungen. Eine Öffnung der Schule in solche Netzwerke ist nicht nur eine Bereicherung für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch ein Beitrag sowohl zur Berufsorientierung als auch im Rahmen der Bildungsgerechtigkeit (vgl. auch Allianz für Schule plus des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft e.V.).
Wir schlagen vor, das neue Fach so zu gestalten, dass es flexibel auf die Bedürfnisse der Schülerschaft eingehen kann. Beispielsweise könnte es als besondere Lernleistung (BLL) in die Abiturwertung einfließen und somit auch alternative Prüfungsformate wie die Verteidigung von Projekten oder praktische Arbeiten ermöglichen. Eine solche Neuausrichtung würde das neue Fach zu einem zentralen Element moderner Unterrichtsentwicklung machen und die Studierfähigkeit stärken. Interessant könnte hier auch das Vorgehen in Österreich sein, das ab dem nächsten Schuljahr die verpflichtende „Vorwissenschaftliche Arbeit“ durch eine „Abschließende Arbeit“ ersetzt, die nun auch alternative Prüfungsformate miteinschließt und damit u.a. die Herausforderungen von KI durch stärkere Prozessorientierung berücksichtigt.
Abschließend möchten wir betonen, dass die Abschaffung des Seminarfachs – entgegen den ersten Eindrücken – nicht als Fortschritt verstanden werden kann. Vielmehr sehen wir in einer Neugestaltung die Chance, zukunftsweisende Bildungsziele zu erreichen und unsere Schülerinnen und Schüler besser auf die Anforderungen von Studium und Beruf vorzubereiten, was einem der Schwerpunkte der SWK von 2025-2027 entspricht.
Wir danken Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und freuen uns, wenn Sie unser Anliegen prüfen und in die Überlegungen und Diskussionen zur Oberstufenreform einbeziehen. Für ein Gespräch stehen wir gerne jederzeit zur Verfügung.
Wir freuen uns über Rückmeldungen jeglicher Art!
Wer unser Anliegen unterstützen und namentlich im Beitrag genannt werden möchte, kann sich gerne (hier in den Kommentaren oder per Mail) melden.



Ich teile ausdrücklich euer Anliegen, da ich das Seminarfach als eines der wenigen Zeitfenster in der Schule erlebe, in denen die Möglichkeit besteht, dass Schüler*innen ihr (selbstreguliertes) Lernen (in der Sek II) reflektieren, dass wir als Lehrende in der Sek II Lerncoaching ermöglichen und damit Raum vorhanden ist, wesentliche Veränderungen im Lernen anzustoßen und zu ermöglichen.
Jenseits der Frage der Zeitgemäßheit einer Facharbeit im Seminarfach sollte dieser Raum erhalten bleiben und zeitgemäß und lernförderlich gefüllt werden!