Aufruf zur Blogparade

Ein Aufruf zum gemeinsamen Nachdenken über menschliche Leistung und KI – zum Nachlesen vorweg:
Hintergrund und Fragestellungen des Aufrufs

Wenn Dr. Anika Limburg und Joscha Falck uns unter dem Hashtag #kAIneEntwertung zum „gemeinsamen Nachdenken über menschliche Leistung und KI“ auffordern, dann ist das nicht nur ein akademischer Diskurs „im Elfenbeinturm“. Es betrifft jede Unterrichtsstunde, jede Klausur, jeden Abiturjahrgang – und letztlich die Frage, was wir jungen Menschen am Ende ihrer Schullaufbahn bescheinigen wollen: Akkumuliertes Wissen, das sich jederzeit googeln lässt? Oder die Fähigkeit, mit Wissen (und mit transformativen Technologien wie generativer KI) verantwortlich, vernetzend und damit versiert umzugehen?

Eins vorweg: Bob Blumes Auftakt „Wie Lernen berühren kann“ unterschreibe ich voll und ganz als erste Bestandsaufnahme und Wegweiser. Sein Fazit „KI entwertet nicht das Lernen selbst. Sie entwertet ein Verständnis von Lernen, das ohnehin schon hohl war: das reine Abprüfen von Ergebnissen. Die eigentliche Herausforderung ist, Lernen wieder relevant zu machen – und Relevanz entsteht dort, wo Lernen berührt. Wenn Schüler:innen nicht nur Antworten reproduzieren, sondern Welt erleben, Resonanz spüren, Horizonte erweitern und Unbestimmtheit gestalten, dann wird Lernen unverzichtbar“ trifft das Unbehagen, das viele verspüren, auf den Punkt.

Darauf aufbauend möchte ich „vom Leitbild zur Umsetzung“ etwas konkreter werden: Ich möchte Euch einen ersten Versuch seitens der Bildungssteuerung, mit diesen Herausforderungen umzugehen, am Beispiel meines Bundeslandes Niedersachsen vorstellen und als Teil der Blogparade einfach mal direkt in die Niederungen der Praxis gehen. Ganz spontan, ganz offen…und mit einem kleinen Planspiel als Denkanstoß.

Praxisbeispiel: Oberstufenreform in Niedersachen

Niedersachsen ist nach den Handlungsempfehlungen der KMK zum Umgang mit KI schnell aktiv geworden. Die mit dem Schuljahr 2027/28 anlaufende niedersächsische Oberstufenreform sendet in dieser Frage deutliche Signale: Sie rückt mit den „Kombinierten Leistungsnachweisen“ ein Prüfungsformat ins Zentrum, das nicht mehr allein auf Klausuren vertraut, sondern auf die Kombination von Produktion und Reflexion sowie schriftliche und mündliche Elemente setzt. In meinem Blogbeitrag zur Reform habe ich das positiv hervorgehoben: Es ist ein Versuch, Schule weniger auf die Reproduktion von Texten in holzschnittartigen Prüfungsformaten, als vielmehr auf die (eigenständig genauso wie in Ko-Kreation mit KI erfolgende) Produktion und deren Kommunikation auszurichten. Besonders freut es mich, dass mit Niedersachsen ein ansonsten im Digitalbereich nicht gerade für strategische (Bildungs-)Innovation bekanntes Bundesland den ersten Schritt wagt und direkt in der sonst so starren gymnasialen Oberstufe neu ansetzt. Das ist als Koordinator für die Jahrgänge 11-13 und das Abitur meine Aufgabe, auf die ich mich freue. Denn hier werden wir genau die in der Blogparade problematisierten Fragen in den Blick nehmen können. Deren Relevanz merke ich schon jetzt, denn seit Monaten tingele ich mit diesem neuen Entwicklungsthema durch die schulischen Gremien, Gesamtkonferenzen und Fachkonferenzen, Schulelternrat und Schulleitungssitzungen – und überall ist das Interesse groß.

Und doch: Zwischen den Zeilen bleibt vieles noch altbekannt. Klausuren verschwinden (natürlich) nicht, sie werden nur ergänzt. Auch die Logik des „Punktesammelns“ im Abitur bleibt bestehen. Für viele Lehrpersonen, für Schulleitungen und Schulaufsicht mag das ein Stück Sicherheit bedeuten – aber es bremst den großen Wurf, der nötig wäre, wenn wir wirklich von Transformation sprechen wollen. Dazu später mehr.

Leistung neu bewerten: Vom Produkt zum Prozess

Die eigentliche Sprengkraft der Reform liegt darin, dass KI explizit als Arbeitsmittel denkbar wird. Der Kombinierte Leistungsnachweis eröffnet Räume, in denen Schülerinnen und Schüler zeigen können, wie sie Tools einsetzen, kritisch reflektieren und Entscheidungen begründen. Leistung wird so vom fertigen Produkt (dem Aufsatz, der Lösung) auf den Prozess verschoben: Wie komme ich zu meinem Ergebnis – und warum?

Der entscheidende Passus in den Eckpunkten zur Oberstufenreform: „Die bewährten Formate der Leistungsmessung durch Klausuren und die Bewertung der sonstigen Mitarbeit bleiben bestehen und werden um ein neues Prüfungsformat erweitert, das im Rahmen der sogenannten „21st-Century-Skills“ vor allem die Aspekte der Kollaboration und Kommunikation aufgreift sowie großen Raum für Kreativität und kritisches Denken öffnet: Dieser sogenannte „Kombinierte Leistungsnachweis“ umfasst zum einen sowohl produktive als auch reflexive Elemente sowie zum anderen schriftliche und mündliche Teile. Bei produktiven Elementen kann es sich beispielsweise um schriftliche Ausarbeitungen, Präsentationen oder andere Formen von Lernleistungen handeln; diese können auch kollaborativ erstellt werden. Für die reflexiven Elemente sind vornehmlich mündliche Formate vorgesehen, die unter anderem auch die individuelle Leistung der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers erkennbar machen sollen und bei denen sie ihr Vorgehen und ihre Entscheidungen begründen. In jedem mündlichen Abiturprüfungsfach wird im Laufe der Qualifikationsphase ein „Kombinierter Leistungsnachweis“ durchgeführt. Dieser fördert die Kommunikationskompetenzen der Schülerinnen und Schüler und trägt zudem dazu bei, sie zielgerichtet auf die mündlichen Abiturprüfungen vorzubereiten. Lehrkräfte sollen hierauf durch Fortbildungen, Handreichungen und Beispielsammlungen sowie einen klaren Rahmen für die Leistungsbewertung vorbereitet werden.“

Das ist eine Zäsur. Sie entwertet nicht menschliche Leistung, sondern stellt sie auf ein neues Fundament. In einer Welt, in der ChatGPT oder andere Systeme Texte schreiben, wird die Reflexion über die Entstehung und den verantwortungsvollen Umgang mit diesen Texten, die Kombination maschineller Kompilationen und eigener Textproduktion zum eigentlichen Kompetenznachweis.

Zwischen Zustimmung und Skepsis

[fettgedruckt ist kein ChatGPT-Format, sondern von mir als Hervorhebung verwendet]

Wie so oft schwanke ich zwischen Zustimmung und Skepsis. Zustimmung, weil die Reform tatsächlich Freiräume schafft: mehr Wahlmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, weniger starre Schwerpunkte, Chancen für fächerübergreifende Projekte und Kurse. Schon jetzt beginnt meine und die Phantasie vieler Kolleginnen und Kollegen zu sprudeln, wenn es um die neuen Möglichkeiten geht (z.B. Fachkurse, eng am KC ausgerichtet, aber auch „Themenkurse“ mit Fächerübergriff und eigenen mündlichen Prüfungen im Abitur – statt „Physik“ jetzt zum Beispiel auch „Astrophysik“?).

Aber ebenso Skepsis, weil diese Freiräume auch wieder im Korsett der Schulrealität landen werden: Prüfungsdruck, Lehrkräftemangel, fehlende Fortbildungen. Denn natürlich werden wir diese Reform nicht mit mehr Lehrerstunden umsetzen können (die es eigentlich bräuchte, wenn sich der Fokus vom Produkt auf den Prozess verschieben soll), natürlich werden größere Teile dieser Reform unter dem schönen Marketing-Begriff „Freiraum“ in die Verantwortung der Einzelschulen verschoben.

Und in meinen Augen der größte Fehler, weil eine echte Entwertung wissenschaftspropädeutischer Arbeit in der Oberstufe: Die Abschaffung des Seminarfachs und der Facharbeit – denn das Seminarfach hatte ich gerade erst gemeinsam mit engagierten Kolleginnen und Kollegen und unter Mitwirkung der Lernenden zu einem echten Kombinierten Leistungsnachweis (mit KI, mit mehr Begleitung im Prozess, mit mehr Reflexion und einer echten Verteidigung der Facharbeit usw.) umgebaut.

Aus meiner Perspektive werden hier mit Blick auf „menschliche Leistung und KI“ genau die falschen Schlüsse gezogen: Aus kurzfristiger Überforderung wird das in der gymnasialen Oberstufe einzige fachunabhängige Fach abgeschafft, in dem wir seit Jahren die Reflexion über den Wert eigener Leistung, eigenen Nachdenkens und eigenen Schreibens und die Integration von (generativer) KI als ko-kreativer Part im Erarbeitungsprozess fördern.

Wo, wenn nicht im Seminarfach, sollen wir dann noch die Begeisterung für eigenständiges Schreiben und eigene Projekte anbahnen und greifbar machen, wenn ansonsten (fast) nur fachgebundener Unterricht auf Basis der völlig überladenen KCs und Abiturvorgaben läuft? Dazu habe ich mit einigen Kollegen in einem Offenen Brief zur Oberstufenreform Stellung bezogen. Für mich zeigt das auch: Wir dürfen im Umgang mit den Herausforderungen durch KI keine vorschnellen Schlüsse ziehen, müssen auch einseitig motivierten Druck aushalten, und sollten sehr genau überlegen, was für uns den Wert menschlicher Bildung ausmacht. Für mich hätte das genau das Gegenteil dieses Reformvorhabens bedeutet: Das Seminarfach stärken, die wissenschaftspropädeutische Facharbeit fundiert und gut begleitet zum Kombinierten Leistungsnachweis ausbauen.

Aber, auch darauf habe ich in meinem Blog schon hingewiesen: Die Oberstufenreform ist kein Endpunkt, sondern ein Auftakt. Sie zeigt, dass Politik erkannt hat, dass Bildung nicht einfach im „weiter so“ verharren kann. Aber sie muss auch weitergehen – mit einer echten Neuausrichtung des Bildungsverständnisses, im besten Fall mit einer tiefgreifenden Neuausrichtung des Abiturs.

Planspiel: Was keiner fragt, das wagt zu fragen…

Ich zweifele schon länger an der Grundkonzeption des Abiturs, an unserer Rolle als Lehrpersonen in diesem hochbürokratisierten Verfahren und an der Gestaltung und Funktion der zentralen Abschlussprüfungen. Und dabei geht es nicht nur um die Aussagekraft von Noten und Punktzahlen, in deren Folge „Schüler:innen passive Folgsamkeit, Notenjagd und Entfremdung“ erleben, wie Bob Blume es in seinem lesenswerten Beitrag zur Blogparade konstatiert. Ein nächster Schritt könnte und sollte sein, das schulische Leistungs- und Prüfungsverständnis grundlegender als bislang gewagt zu überprüfen und – im Zweifel zunächst als virtuelle Planspiele, auch dafür eignet sich KI bestens – fundamentalere Fragen zu stellen:

    • Warum traut sich niemand, die Abschlussprüfungen des Zentralabiturs in ihrer jetzigen Form grundsätzlich in Frage zu stellen? Was sollen die sechsstündigen schriftlichen Prüfungen mit Stift und Papier, engmaschigen Erwartungshorizonten und kurzen Korrekturfristen aussagen und sind die Abiturzeugnisse in den 16 Bundesländern überhaupt noch vergleichbar als „Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung“? Im Rahmen einer Abiturfeier vor einigen Jahren bestand die Rede eines Absolventen darin, sein eigenes Abiturzeugnis pointiert auf andere Bundesländer zu übertragen – von einem deutlich besseren Schnitt bis zum Durchfallen war alles dabei…
  1.  
    • Warum traut sich niemand, die Funktion (in meinem Beispiel) der gymnasialen Oberstufe und die notenbasierte Bescheinigung einer „allgemeinen Hochschulreife“ grundsätzlich in Frage zu stellen? Auch konservativere Kolleginnen und Kollegen (ver-)zweifeln immer mehr daran und mehr als einmal kam in kleiner Runde die Frage auf, warum wir als Schule überhaupt so eine „allgemeine Reife“ ausstellen sollen und warum nicht Universitäten, Fachhochschulen oder Ausbildungsbetriebe mit eigenen Aufnahmetests den Zugang (stärker) steuern. Vielleicht besteht der Grundfehler darin, dass die Selektions- und Zugangsfrage auf die Schulen verschoben wird, die dann am Spagat zwischen (um es mit Bob zu sagen) „Neugierde, produktiver Unbestimmtheit, Resonanz, Freiheit“ und ihrer Funktion als Gatekeeper leiden, oft genug auch scheitern: Fördern und Filtern als dysfunktionales Oxymoron. Das ist nicht neu, gewinnt aber beim Nachdenken über „menschliche Leistung und KI“ deutlich an Schärfe. 
  2.  
    • Stellen wir uns doch einmal ein solches (virtuelles) Planspiel „Zugang ohne Abiturzeugnis“ anhand unterschiedlicher, hier rein exemplarischer Optionen vor:
      • Option A: Universitäten entwickeln eigene Zugangsprüfungen, die Fachwissen, Problemlösefähigkeit und Studienmotivation abfragen. Wer bestehen will, muss in der Lage sein, mit komplexen Herausforderungen umzugehen – unabhängig vom Schulabschluss. Die Funktion der Schule wäre es in diesem Szenario, junge Menschen auf solche Prüfungen vorzubereiten, ohne selbst selektieren zu müssen. Schule würde damit stärker zu einem Lern- und Orientierungsraum, weniger zu einer Selektionsinstanz.
      • Option B: Ausbildungsbetriebe führen standardisierte, aber praxisorientierte Eignungstests ein. Statt Noten zählt hier die Fähigkeit, sich in reale Arbeitsprozesse einzuarbeiten. Schule hätte hier die Aufgabe, Grundkompetenzen, Allgemeinbildung und berufliche Orientierung zu vermitteln und zugleich Raum für praktische Erfahrungen zu eröffnen. Der Übergang in die Ausbildung würde direkter von den Betrieben gestaltet – Schulen könnten sich aus der Rolle als Gatekeeper zurückziehen.
      • Option C: Hochschulen und Betriebe setzen auf Eignungsportfolios, die Lernprodukte, Projekte und Reflexionen enthalten – und in denen KI-gestützte Prüfungen Transparenz und Vergleichbarkeit unterstützen könnten. Schule würde in diesem Modell zu einem Begleiter beim Aufbau solcher Portfolios. Lehrkräfte würden Feedbackprozesse, Reflexion und die Gestaltung individueller Lernwege unterstützen. Leistung würde nicht mehr am Ende in einem Stresstest sichtbar, sondern kontinuierlich dokumentiert und bewertet – z.B. in einem ausführlichen Gutachten aus Sicht der Schule mit Blick auf die „allgemeine oder fächergebundende Studierfähigkeit“ und mögliche Empfehlungen für den weiteren Ausbildungsweg. 
  3.  
    • … – hier geht es erst richtig los – …aber ich habe eine lange Schulwoche vor mir, drei kleine Kinder, Vollzeitstelle und 300 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe, die Beratungsbedarf haben. Das ist mein Limit.

So ende ich hier einfach mal mit diesen grundlegenden Gedankenspielen. Auf absehbare Zeit und trotz (generativer) KI ist vorerst nicht mit wesentlich tiefgreifenderen Reformen zu rechnen. Vielleicht wäre das ein Ansatzpunkt für die nächste Blogparade, für eine Serie von Arbeitstagungen und Kolloquien und für berufenere Stimmen: Ein „Planspiel Schulabschlüsse“. Denn bekanntlich stinkt der Fisch…

Menschliche Leistung und KI – Niedersachsens Oberstufenreform als erster Schritt einer Transformation 1
Ein langer Weg: Vom Zentralabitur zum Gutachten – Planspiel für den Wandel schulischer Lern- und Prüfungskultur (Hauke Pölert, NapkinAI)

Halten wir fest: Bildung im Modus der Transformation

Gerade deshalb sind die hier skizzierten Punkte zur Oberstufenreform in Niedersachsen eine wichtige erste Antwort auf den Aufruf zur Blogparade: Wir brauchen nicht die eine große Reform, die vorgibt alles zu lösen. Die werden wir im Föderalismus-Dschungel sowie nicht sehen, sage ich als Pragmatiker. Wir brauchen eine kontinuierliche Transformation. Bildung wird immer in Bewegung sein – weil sich Technologie, Gesellschaft und Welt ständig verändern.

Die niedersächsische Oberstufenreform ist ein kleiner Schritt in diesem Prozess. Sie verschiebt den Blick auf menschliche Leistung, macht Reflexion sichtbarer, öffnet den Raum für neue Prüfungsformate. Im besten Fall ändert sie auch Haltungen. Aber sie ist eben nur ein Schritt. Der nächste wird sein, Schule so zu entwickeln, dass sie Lernende nicht nur „auf Prüfungen“ vorbereitet, sondern auf eine Welt, in der Zusammenarbeit mit KI wohl alltäglich sein wird – und in der menschliche Leistung sich nicht darin erschöpft, besser als eine Maschine zu rechnen oder zu schreiben, sondern darin, Mensch zu sein: neugierig, kritisch, kreativ, kommunikativ.

Damit will ich sagen: Was die Reform in Niedersachsen anstößt, ist nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Praxis. Wir können Prüfungsformate nutzen, um (schulische) Leistung neu zu bewerten – nicht als Konkurrenz zur Maschine, sondern als bewusste Entscheidung für menschliche Qualität.

Ich bin gespannt, wie das im Zusammenspiel von Bildungssteuerung, Schulaufsicht und Einzelschulen in den nächsten Jahren gelingen wird…

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