Kurzvorstellung: Napkin.AI
Wer gerne die Fähigkeiten und Grenzen von Sprachmodellen / KI erprobt und an neuen Möglichkeiten interessiert ist, dem empfehle ich einen Blick in Napkin.AI zu werfen – das momentan gratis mit vollem Umfang verfügbar ist:
✅ Komplexe Texte einfach in das NapkinAI-Textfeld kopieren (oder Texte per LLM generieren lassen)
✅ NapkinAI erkennt automatisch Absätze, Sinnzusammenhänge und Strukturen und erstellt daraus per Klick ansprechende Visualisierungen
✅ Nach einem ersten Update auch in deutscher Sprache verfügbar
✅ Alles ist editierbar und kann angepasst werden
✅ Generierte Inhalte können ganz einfach geteilt werden
Interessant finde ich das Tool gerade auch für das Erstellen von Unterrichtsmaterial, zum Auflockern und Visualisieren von dargestellten Prozessen, für das bessere Verständnis von langen Absätzen oder auch einfach nur für optisch ansprechende Präsentationen. Das sieht man hier in einem frühen Versuch mit einem Text aus dem Seminarfach (noch in englischer Darstellung).

Mit Blick auf die Möglichkeiten von NapkinAI stellen sich erste Fragen:
Inwiefern fördert diese automatisierte Herangehensweise an komplexe Texte im Lernprozess eher De-Skilling – ist nicht gerade das Erkennen von Sinnzusammenhängen, das präzise Zusammenfassen eines komplexen Themas in einer eigenen Visualisierung ein wichtiger Lernschritt?! Aber lasst uns erstmal genauer anschauen, was mit Napkin.AI so möglich ist…
Youtube-Tutorial: Wie funktioniert Napkin.AI?
Zur Funktionsweise von NapkinAI habe ich ein Youtube-Video erstellt, das als Grundlage vielleicht ganz hilfreich ist:
Praxisbeispiele aus dem Unterricht (Sprachen und Geschichte)
Zunächst sei hier ausdrücklich auf den Blogbeitrag „Napkin.ai – Grafiken für den Sprachunterricht? – Unbedingt!“ der Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache Michaela Kühl hingewiesen. Sie hat gleich nach Veröffentlichung von NapkinAI unterschiedliche Vorschläge für die Nutzung im Sprachenunterricht herausgearbeitet und anhand von Praxisbeispielen erläutert:
- Argumente aus Texten sichtbar machen,
- Textaufbau + Teilthemen erfassen,
- Gerüst für freies Sprechen und Präsentationen,
- Diagramme erläutern –
ein Blick in den Blogbeitrag lohnt sich, insbesondere für den Fremdsprachen-Unterricht. Aus dem Geschichtsunterricht zeige ich hier kurz einige Möglichkeiten, die Potentiale und Grenzen zugleich aufzeigen.
NapkinAI im Geschichtsunterricht – Zeitstrahl
Am Beispiel eines Darstellungstextes zur Entstehung und Entwicklung der DDR wird deutlich, wie einfach sich nun beispielsweise Vorlagen für einen Zeitstahl erstellen lassen. Ausgehend vom Text bietet Napkin unterschiedliche Vorschläge an, die grafisch teils besser oder schlechter passen. Die Zeitstrahl-Vorlage wirkt hier noch am besten und lässt sich anschließend z.B. mithilfe weiterer Materialien ergänzen und vertiefen. Nach dem Formatieren des Textes in Absätzen lässt sich durch einfaches Markieren einzelner Absätze oder des ganzen Textes eine Abbildung für die jeweilige Markierung generieren. Links im Bild nur der erste Absatz zur Entstehung der DDR, rechts im Bild die Zusammenfassung bis Ende der 1960er-Jahre. Was hier auffällt: Offensichtlich „halluziniert“ NapkinAI die Geschichte der DDR bis zu deren Ende 1989/90, obwohl der letzte Aspekt gar nicht im Text enthalten ist. Ein typisches Zeichen für den mathematischen „Übereifer“ des Sprachmodells…


NapkinAI im Geschichtsunterricht – Handlungsoptionen und Eskalationsstufen visualisieren
Anhand einer Quelle zu Steuerunruhen im ländlichen Russland der Zarenzeit wird deutlich, dass NapkinAI recht gut den Inhalt auch sprachlich komplexerer Gesamttexte (Übersetzung aus dem Russischen) erkennen und verarbeiten kann. Der Bericht über Steuerunruhen und eine Militärintervention wird in einige unpassende, aber auch mehrere passende Abbildungen überführt. Diese visualisieren z.B. mögliche Handlungsoptionen der Zentralgewalt (evtl. als grafische Vorlage für eine Diskussion geeignet). Noch passender und genauer am Text ist aber die „Eskalationsleiter“, die mithilfe der Stufenvisualisierung die zunehmende Eskalation der Situation visualisiert.
Auch hier unterstützen die Abbildungen nur beim grundlegenden Verständnis, können ggf. für einen Kurzvortrag oder eine Präsentation gut genutzt werden. Letztlich zählt aber auch hier die Eigenleistung, mit der Quelle zu arbeiten und bspw. den Stufen konkrete Zitate zuordnen zu können oder auch in der Lage zu sein, den historischen Kontext der oberflächlich abgebildeten Geschehnisse zu erläutern. NapkinAI wird hier also zum hilfreichen Sparringspartner, der aber die Arbeit mit dem Material nicht ersetzt.


Einordnung & kritische Reflexion: Napkin.ai als Beispiel für Deskilling / Skill-Skipping
Seit einigen Wochen macht das hier kurz vorgestellte Tool Napkin.AI die Runde, mit dem sich ganz einfach aus Texten heraus automatisiert Abbildungen erstellen lassen. In der Phase des Ausprobierens und des Sammelns erster Erfahrungen bieten die Hinweise und Beispiele von Michaela Kühl – hier nochmal ihr eigener Blogbeitrag – sowie die kurzen Beispiele aus meinem eigenen Unterricht einen interessanten Überblick und Hilfestellung für interessierte, aber wenig erfahrene Kolleginnen und Kollegen.
Am Tag des Erscheinens von Napkin war ich für einen Fortbildungstag als Referent an einem Studienseminar engagiert. Zu Beginn zeigte ich einige der neueren Entwicklungen – so auch Napkin.ai – und es ging gleich in die so spontane wie kritische Diskussion mit den Fachleitungen aller Fächer/Fachbereiche. Dazu besprachen wir Unterrichtsbeispiele (Inhaltsvisualisierungen von Schülerinnen und Schülern) im Vergleich zu den Vorschlägen von Napkin und diskutierten die Ergebnisse – die teils interessant und optisch ansprechend strukturiert waren, aber eben doch im Vergleich zu den Lernprodukten der Schülerinnen und Schüler oberflächlich, oft auch (zu) stark verkürzend ausfielen. Das fiel insbesondere auf, je komplexer und abstrakter die Texte inhaltlich waren – weniger bei chronologischen Darstellungen wie in meinen Beispielen oben.
Mein Eindruck bleibt (zum aktuellen Stand): Napkin ist neben allen Möglichkeiten für die eigene Unterrichtsplanung weniger für das Lernen mit LLM/KI als vielmehr für das Lernen über LLM/KI geeignet, denn:
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- Die Fähigkeiten des Tools sind auf den ersten Blick erstaunlich und lassen sich gut für Fortbildung mit Kollegien nutzen, um zu sehen, was momentan möglich ist.
- Die von Michaela Kühl, Florian Nuxoll und mir gezeigten Praxisbeispiele bieten natürlich interessante Möglichkeiten, ansprechende Lernmaterialien zu erstellen oder die Visualisierungen unterstützend im Unterricht zu nutzen – zugleich auch das grundlegende Verständnis teils komplexer Texte mithilfe ergänzender Visualisierungen zu sichern.
- Im Unterricht nutze ich Napkin momentan aber vor allem, um den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, was (menschliche) Sinnbildung bedeutet (i.S. von Textverständnis / eigenen Visualisierungen komplexer Texte) und inwiefern ein Sprachmodell/LLM im Vergleich (momentan) mithalten kann. Das bezieht sich aktuell vor allem auf den Geschichtsunterricht, im Spanischunterricht habe mit Napkin bisher nicht gearbeitet.
Zugleich kann Napkin ein interessantes Beispiel für Deskilling (Deutscher Ethikrat in der sehr empfehlenswerten Stellungnahme „Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz“) bzw. Skill-Skipping (Florian Nuxoll) sein, wenn
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- Lernende künftig Texte automatisiert zusammenfassen / visualisieren lassen und Fähigkeiten, die regelmäßiges Üben und Anwenden erfordern, aufgrund der zunehmenden Unterstützung durch die Technologie nicht mehr ausreichend oft nutzen –
- oder das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufgrund der vermeintlichen Überlegenheit der Technik sogar verlieren (Automation Bias), weshalb
- sie sich im ungünstigsten Fall eher auf technische Urteile verlassen, was wiederum das regelmäßige Üben und damit den Erhalt der Fähigkeiten beeinträchtigt.
Florian Nuxoll schrieb mir dazu per Mail seine Eindrücke, wonach auch aus seiner Perspektive „… das eigentliche Problem tiefer (liegt): Schülerinnen und Schüler können sich dem Lernprozess entziehen. Sie geben zwar das Endprodukt ab, aber der Weg dorthin, das eigentliche Lernen, findet nicht statt. Ich nenne das „Skill Skipping“.“
Gerade mit Blick auf die Fähigkeiten von NapkinAI zeigt sich ein weiter Punkt, den Florian Nuxoll betont: „Lernen bedeutet nicht, ein fertiges Produkt zu haben. In der Schule geht es nicht nur darum, einen guten Text, ein beeindruckendes Poster oder eine überzeugende Präsentation abzuliefern. Es geht darum, sich Wissen selbst anzueignen und Kompetenzen zu erwerben – durch Recherchieren, kritisches Denken und eigenständiges Formulieren. Der Lernprozess ist das, was nachhaltige Bildung ausmacht. Wenn Schülerinnen und Schüler KI nutzen, um diesen Prozess zu überspringen, verlieren sie genau das: die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und wirklich zu lernen.“
Daraus ergeben sich wichtige Diskussionsansätze rund um Fähigkeiten und Grenzen von LLM/KI, um das Lernen mit, über, trotz – und gerade auch: ohne – Sprachmodelle und Künstliche Intelligenz.
Napkin.ai ist also ein gutes Beispiel für die Frage, warum es für den Unterricht (anders als vielleicht im Berufsleben) wichtig ist, den Aspekt „Was lerne ich daran / damit?“ sehr genau im Blick zu haben – sonst bleiben Tools wie Napkin.ai reine Spielerei.


