Selten konnte schon die Präambel einer Studie die Dinge so auf den Punkt bringen, wie es die heute erschienene Cornelsen Schulleitungsstudie 2025 anhand eines Schulleiter-Zitates vermag:

Also, ich sag mal so, unter den Schulpreis-Schulen gibt es das geflügelte Wort „Exzellenz durch Regelbruch“. Und das kann ich unterschreiben. Mir ist nicht eine einzige Preisträgerschule bekannt, die sich an alle Verordnungen, Erlasse und Regeln eines Ministeriums oder einer Schulbehörde hält. Das gibt’s einfach nicht. Schulen brauchen wirklich Freiräume, um Dinge auszuprobieren.
Schulleiter (seit 13 Jahren Schulleitung)

Die vom FiBS – Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie durchgeführte Studie (Online-Befragung sowie qualitative Interviews – befragt wurden online 2.405 Schulleitungen an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen, zusätzlich wurden 24 qualitative Interviews geführt) verdeutlicht eindrucksvoll, wie Schulleitungen in Deutschland ihre Rolle zunehmend aktiv gestalten und nicht länger nur als Verwaltungsfiguren agieren wollen. Demnach betrachten sich 69 Prozent der befragten Schulleitungen als Visionäre, die ihre Schulen zukunftsfähig weiterentwickeln möchten. Bemerkenswert ist insbesondere, dass sich ganze 60 Prozent der Befragten bereit erklären, sich über bürokratische und rechtliche Vorgaben der Schulaufsicht hinwegzusetzen, um Reformen aktiv voranzutreiben. Dabei sehen sich 42 Prozent zugleich als „Visionäre“ und „Rebellen“ – ohne dass deutlich würde, worauf sich mögliche „Visionen“ beziehen und wie „rebellisch“ genau zu definieren ist (daher auch mein späterer Verweis auf den dehnbaren Begriff „brauchbare Illegalität“ nach Niklas Luhmann.

Das ist eine Grundhaltung, die in den letzten Jahren insbesondere Akteure im Bereich Digitalisierung / Digitalität charakterisierte. Zu unmittelbar erschien hier gerade in Corona-Zeiten und erscheint auch in Zeiten von KI das eklatante Delta zwischen Entwicklungsbedarf und Realität eines Schulsystems, das in einem Dickicht von Verordnungen und dysfunktionaler Bildungssteuerung zu ersticken droht. Andere Akteure (wie beispielhaft Stefan Ruppaner mit der Alemannenschule Wutöschingen) lösten sich als Gemeinschaftsschule mit widrigen Voraussetzungen gleich ganz von althergebrachten Vorstellungen und wurden damit zu Vorbildern für gelingende Schulentwicklung.

Rückblickend ist die Liste an Beispielen sicher lang, die Entwicklung scheint eindeutig:

      • Der eigenmächtige Einsatz neuer digitaler Lernplattformen oder Tools, bevor diese offiziell von der Schulaufsicht freigegeben wurden, um digitales Lernen schneller und effektiver umzusetzen.
      • Die informelle Einführung neuer Stundenpläne oder Unterrichtsformate, die etwa jahrgangsübergreifendes oder projektbasiertes Lernen fördern, auch wenn solche Maßnahmen formal noch nicht durch Richtlinien gedeckt sind.
      • Der flexible Umgang mit Personalmangel durch pragmatische Lösungen, wie z.B. Einsatz studentischer Hilfskräfte oder externer pädagogischer Fachkräfte ohne vollständige Lehrbefähigung, um den Unterrichtsbetrieb zu sichern.

Bemerkenswert ist insbesondere, dass sich ganze 60 Prozent der Befragten bereit erklären, sich über bürokratische und rechtliche Vorgaben der Schulaufsicht hinwegzusetzen, um Reformen aktiv voranzutreiben.

Die Schulleitungsstudie zeigt auch, dass die Distanz zwischen schulischer Realität und Bildungspolitik von vielen Schulleitungen als groß empfunden wird. Ganze 94 Prozent der Befragten kritisieren, dass Bildungspolitik zu weit entfernt von der schulischen Praxis stattfindet. Daraus ergibt sich für viele der Zwang, kreative Wege in der Personalpolitik einzuschlagen. So beklagen 60 Prozent der Schulen – und das steht im Gegensatz zu den immer wieder veröffentlichten Zahlen hoher „Unterrichtsversorgung“ – akuten Lehrkräftemangel, den sie oft nur durch studentische Lehrkräfte oder Quer- und Seiteneinsteiger ausgleichen können. Dies wiederum erhöht den Bedarf an praxisnaher Lehrkräftebildung, für die sich viele Schulleitungen stark machen.

Ein weiterer zentraler Wunsch vieler Schulleitungen ist der nach mehr Autonomie und Gestaltungsspielraum: 88 Prozent wollen mehr Entscheidungsfreiheit, insbesondere im Bereich Personalhoheit (88 Prozent), Finanzhoheit (80 Prozent) und curricularer Eigenständigkeit (87 Prozent). Schulleitungen fordern darüber hinaus eine bessere Unterstützung durch administrative Kräfte (89 Prozent) sowie klarere Strukturen und Zuständigkeiten, um effektiver arbeiten zu können.

Zwischen Vision und Rebellion - Schulleitungen im Jahr 2025 (Cornelsen Schulleitungsstudie) 1
Rollenvorbild? Stefan Ruppaner – ehemaliger Schulleiter der Alemannenschule Wutöschingen (Rowohlt Verlag 2025)

Besonders gravierend ist dabei auch der Aspekt Gesundheit: 48 Prozent der Schulleitungen sehen die physische und psychische Gesundheit von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern als zweithöchsten Stressfaktor im Schulalltag. Fast alle (98 Prozent) sehen multiprofessionelle Teams als wichtige Lösung, um die vielfältigen Herausforderungen des Schulalltags besser bewältigen zu können.

Und in der Studie 2025 ist natürlich Künstliche Intelligenz ein zentrales Aufsteigerthema: Schulleitungen schätzen KI als wichtiges Thema für die künftige Unterrichtsgestaltung ein. Digitales Lernen ist nun für fast alle, KI immerhin für 2 von 3 Schulleitungen fester Bestandteil der Zukunftsschule – und die Mehrheit der Schulleitungen erwartet, dass sich Lernerfahrungen und Prüfungsformate durch KI verändern werden (dazu auch hier im Blog z.B. der Beitrag „Schulleitung und KI“).

Und auch ein interessanter Aspekt: Die Studie nimmt erstmals auch berufliche Schulen in den Blick, die sich als pragmatische Vorreiter im Bereich Digitalisierung und Einsatz künstlicher Intelligenz positionieren. Ganze 92 Prozent der Schulleitungen beruflicher Schulen sind überzeugt, dass allgemeinbildende Schulen hier von ihnen lernen könnten, zugleich fühlen sich viele berufsbildende Schulen laut Studie aber weniger gesehen und beachtet in ihrem Bemühen um moderne Lernformate.

Das nur in aller Kürze als Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse – und man ahnt beim Lesen: Viele der hier genannten Punkte hängen natürlich auch mit dem Digitalisierungsprozess der letzten Jahre zusammen, mit zunehmender Vernetzung und Austausch untereinander und damit einem Erfahrungshorizont, der über die eigene Schule, den Schulbezirk oder das Bundesland hinausgeht.

Was ich persönlich an den Ergebnissen der Studie interessant finde:

Schulleitungen setzen zunehmend auf kreative, unkonventionelle Lösungen, um den Herausforderungen des schulischen Alltags zu begegnen. Das liegt wohl mit Blick auf die Studienergebnisse insbesondere an der Starrheit des Schulsystems und der Distanz zwischen Politik und Schulpraxis (86 Prozent der Schulleitungen fühlen sich durch bürokratische Hürden in der Schulentwicklung ausgebremst!). Und das zeigt sich nicht mehr nur besonders deutlich im Entwicklungsfeld Digitalität – inzwischen scheint Schulentwicklung insgesamt immer stärker in den Blick zu nehmen, was Niklas Luhmann als „brauchbare Illegalität“ bezeichnet. Ein starkes Wort, in der Schulpraxis aber bestens bekannt und vertraut, wenn es darum geht, im Sinne der Schulgemeinschaft Entwicklung voranzutreiben. War das aus meiner ganz persönlichen Sicht lange Zeit eher ein Charakteristikum reformorientierter Schulen wie Gesamt- und Gemeinschaftsschulen, scheint sich diese Haltung inzwischen in breiteren Kreisen durchzusetzen. Die in den Studienergebnissen klar als Desiderat erkennbare Entwicklung hin zu mehr Autonomie, einer neuen Form der Schulaufsicht, eine Veränderung der Lehrkräfteausbildung und Kooperation in multiprofessionellen Teams zeigt beispielhaft: Schulleitungen wollen sich nicht länger durch bürokratische Hürden in der Schulentwicklung ausbremsen lassen und neue Formen des Lernens und der Zusammenarbeit aktiv gestalten – und das auch an Schulformen wie dem Gymnasium.

Als Fortbilder und Referent genauso wie als Lehrer erlebe ich seit Jahren eine Schullandschaft im Wandel, treffe auf Schulleitungen und Kolleginnen und Kollegen, die diesen Wandel aktiv mitgestalten (wollen), aber allzu oft systembedingt ausgebremst werden. Die Ergebnisse der Studie decken sich 1:1 mit allen Erfahrungen, die ich bislang machen konnte – und das ist insgesamt im Negativen so ernüchternd wie im Positiven ermutigend!

2 Kommentare

  1. Behörden verfassen bewusst innovationsfeindliche Regelungen, um Schulleitungen zu Loyalität zu zwingen und ihnen Raum und Zeit für systemkritische Eigenentwicklungen zu nehmen.

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