Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, verehrte Gäste,
eines vorweg: diese Abiturrede sollte eigentlich unter dem Motto „Resilienz“ stehen. Denn mitten in der Abitur-, Kursplanungs-, Zeugnis- und nebenbei auch noch Kinder- und Männergrippe-Phase erreichte mich vor weniger als zwei Wochen eine Mail, die in ihrem höflichen Charme unbestechlich war:
„Ich komme direkt zum Punkt: mein Jahrgang ist mehrheitlich zum Entschluss gekommen, Sie darum zu bitten, im Rahmen der diesjährigen Abitur-Entlassung die „Lehrerrede“ zu halten.“
So freundlich-zugewandt wie empathisch ging die Anfrage weiter:
„Es hat sich in der Prüfungszeit schlichtweg niemand um die Rede gekümmert und die ganze Sache scheint wohl kollektiv untergegangen zu sein.“
Aber der zweite Satz trug dann doch zur Beruhigung bei:
„Wir erwarten selbstverständlich keine ciceronische Redeleistung von Ihnen…“
– puuhh, danke, die Jugend von heute ist einfach so verständnisvoll und genügsam in ihrer höflichen Zurückhaltung.
Apropos, da sind wir schon beim Thema: Die Jugend von heute. Das ist ein Thema, das mich irgendwie beruflich verfolgt und auch in meinem Tutorium immer wieder heiß diskutiert wurde. Denn es gibt genau eine Überzeugung, die in jedem Abschlussjahrgang immer wieder gleich ist. Wahrscheinlich die einzige Überzeugung, in der sich ältere Generationen und Abiturientinnen und Abiturienten wirklich einig sind:
„Mit der jungen Generation geht es einfach bergab. Die Generationen nach uns sind einfach noch ungebildeter, noch fauler, noch schlechter erzogen als wir!“
Und ja, ich erinnere mich durchaus noch gut an die Worte eines früheren Kollegen, als ich nach dem dualen Studium im Autokonzern mein Jackett an den Nagel hing, und er sagte:
„Ich würde mich niemals mit diesen Kindern von heute herumschlagen!“
Schaue ich Jahre später so in die aktuellen Buchveröffentlichungen, könnte man fast den Eindruck gewinnen, als hätten die Schwarzseher in diesem Punkt doch irgendwie Recht behalten:
So schrieb der ehem. Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes gleich nach der Pensionierung erstmal ein Buch: „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt: Und was Eltern jetzt wissen müssen“.
Da könnte man als Lehrer doch eigentlich auf der Stelle kehrtmachen, das Jackett wieder anziehen und in den nächstbesten Konzern zurückflüchten. Ich verrate Ihnen und Euch aber schon an dieser Stelle, allen Niedergangsaposteln zum Trotz: Ich bin und bleibe zuversichtlich. Doch der Reihe nach.
Falls Ihr jetzt nach Eurer Ultra-Kurzfrist-Anfrage mit wenigen low key-Zeilen gerechnet haben solltet, so muss ich Euch auch bei 35 Grad Außentemperatur enttäuschen – denn mindestens eine Sache brennt mir doch unter den Nägeln – und für die brauche ich als Historiker naturgemäß etwas länger. Mein Tutorium würde jetzt sagen: „Rede, Bruder, rede…“
Mit 5000 Jahren Zeithorizont werde ich nun jeden Zeitrahmen sprengen, wenn wir der Frage nachgehen, was es mit diesem „Die Jugend wird immer schlimmer!“-Phänomen – auch genannt „Juvenoia“ – auf sich hat…
Wagen wir also einen multimedialen Längsschnitt, einen Parforce-Ritt durch die letzten 5000 Jahre – natürlich geleitet vom objektiven Erkenntnisinteresse und dem hehren Ziel, ein neutrales und realistisches Bild von der Entwicklung der Jugend zu zeichnen:
- Eine Tontafel der Sumerer, ca. 3000 v. Chr. verfasst, gibt uns einen ersten Anhaltspunkt: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“
- Ähnlich scheint es laut einer Keilschrift um 2000 v. Chr. in Chaldäa zuzugehen: „Die Jugend ist herunter-gekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“.
- Wieder 1000 Jahre später das gleiche Bild: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten“ – schreibt ein frustrierter Zeitgenosse auf einer babylonischen Tontafel.
- Deutlich wird dann Sokrates im 5. Jhd. v. Chr.: „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer“, was Aristoteles mit den Zeilen „Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“ nur bestätigen kann.
- Liest man dagegen einen gewissen Mönch Peter im Jahre 1274, so versteht man die „Krisen des Spätmittelalters“ ganz neu: „Die Welt macht schlimme Zeiten durch. Die jungen Leute von heute denken an nichts als an sich selbst. Sie haben keine Ehrfurcht vor ihren Eltern oder dem Alter.“
- Selbst Philipp Melanchthon, der treue Weggefährte Luthers, schließt jede Hoffnung, dass die Seligkeit auf Erden auch für die Jugend gelten könnte, kategorisch aus: „Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, daß der Weltuntergang nah bevorsteht“.
- Auch Preußens Gloria und die Schulpflicht können den kontinuierlichen Verfall nicht aufhalten, was ein Schulmeister im 18. Jhd. mit den Worten „Das Sittenverderben unserer heutigen Jugend ist so groß, dass ich es unmöglich länger bei derselben aushalten kann!“ eindrucksvoll dokumentiert.
- Diskutiert dann 1826 eine Zeitung die „immer lauter werdenden Klagen über die zunehmende Rohheit und Verwilderung unserer Jugend“, so ist 1965 die Intelligenz derart implodiert, dass laut der DIHK „[…] knapp 50 % aller Lehrlinge mangelhafte oder stark defizitäre Leistungen in der Mathematik zeigen“.
- Dieselbe DIHK bemängelt 2010 erst gar nicht mehr fachliche Aspekte, sondern nur noch die „allgemeine Abnahme von Wert- und Moralvorstellungen, sowie fehlende soziale und personale Kompetenzen“.

Kurz gefasst: Ein 5000jähriger Zeitstrahl des Niedergangs und des Verfalls von Erziehung und Bildung.
Und am Ende dieses wirklich schlimmen Zeitstrahls steht nun Ihr, der Abiturjahrgang 2026.
Spätestens jetzt sollte jedem von der Vernunft geleiteten Menschen klar sein:
Mit dieser Jugend ist kein Staat mehr zu machen!
Und doch war mir, als ich Euch zum ersten Mal gegenübersaß, das genaue Gegenteil klar – und dabei ist es bis heute geblieben: Allen Niedergangsaposteln zum Trotz bin ich, mit Blick auf die Jugend, absolut zuversichtlich – und das ist auch Eure Schuld!
Denn Ihr habt meine Kolleginnen und Kollegen und mich in Eurer Individualität, mit Euren Ecken und Kanten, viele Jahre lang gefordert und immer auch belohnt. Mit den Erinnerungen und Enthüllungsstories Eurer Lehrerinnen und Lehrer könnte man Bücher füllen (meine Bürotür steht ja immer einen Spalt breit offen – und ich höre alles!).
Ihr war eben kleine Bildungsromane, die wir Lehrer in der Schule, am Wochenende und in den Ferien mit uns herumtrugen und die uns oft genug nicht aus dem Kopf gingen – dem einen Tutor vielleicht aus Sorge um seine viel zu vielen Schäfchen, der anderen Tutorin aus heller Begeisterung. Ich selbst kam immer bestens gelaunt aus Euren Kursen.
Sollte ich nach diesen eigenen Erfahrungen vielleicht einfach die 5000 Jahre geballter jugendlicher Verfalls-erscheinungen über Bord werfen?
Der österreichische Lehrer und Aphoristiker Ernst Ferstl schrieb einmal: „Gestandene Schwarzseher laufen ihr ganzes Leben lang vor Befürchtungen davon, die gar nicht hinter ihnen her sind“.
Er trifft damit wohl einen Nerv – und er trifft meine Grundhaltung als Lehrer zutiefst.
Schon in der Widmung des Kleinen Prinzen trifft der von mir gern gelesene Saint-Exupery einen weiteren Nerv: „Alle großen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran.“ Und so bleibt es neben Ihnen, verehrte Eltern, das Privileg der Lehrerinnen und Lehrer, täglich daran erinnert zu werden, dass wir in Euch Schülern immer auch unseren eigenen Spiegelbildern – vielleicht vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren und mehr – gegenübersitzen. Dass uns angesichts Eurer vielfältigen, teils (noch) verborgenen, Talente, Interessen und Träume immer wieder klar wird: „Was ich hier sehe, ist nur eine Hülle. Das Eigentliche ist unsichtbar …“.
Nehmen wir die Schwarzseher von der sumerischen Tontafel bis zur DIHK also einmal beim Wort.
Nehmen wir an, jede Generation sei tatsächlich „noch ungebildeter, noch fauler, noch schlechter erzogen“ als die vorherige. Dann müssten wir wohl nach 5000 Jahren ununterbrochenem Niedergang heute in einer der karg eingerichteten Hainberg-Höhlen sitzen, kratzten in Keilschrift „Das Ende der Welt ist nahe“ in die Wand und warteten geduldig darauf, dass der fest terminierte Weltuntergang endlich auf den Plan tritt. Das glaube ich eben nicht.
Und damit meine Ausführungen auch irgendwie nachvollziehbar bleiben – ich bin ja Lehrer, ich brauche Belege – möchte ich doch noch etwas hinschauen: nicht 5000 Jahre zurück, sondern auf das Hier und Heute. Auf Euch.
Vergleichen wir mit Euch doch einfach mal exemplarisch und repräsentativ die zentralen Werte der jetzt älter werdenden Boomer-Generation: Sex, Drugs and Rock’n Roll.
Ich fange, etwas vorsichtiger formuliert, an – Thema Liebe! Galt bei den Boomern noch „Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment“, zeigen heutige Jugendliche ein ganz anderes Verhalten. Alles ein bisschen solider, fast schon konservativer – so die einschlägigen Jugend-Studien.
Thema Alkohol! Die angeblich „verkommene und zuchtlose“ Jugend trinkt heute weniger als jede Generation, über die je geklagt wurde: Der regelmäßige Alkoholkonsum unter den 12- bis 17-Jährigen hat sich seit 2004 mehr als halbiert. Genauere Vergleiche zu meinem eigenen Abiturjahrgang oder gar unserer Studienfahrt erspare ich uns an dieser Stelle.
Thema Zigaretten! Von den 12- bis 17-Jährigen rauchen so wenige wie nie zuvor seit Beginn der Erhebungen – gerade einmal gut fünf Prozent. Die Tontafel der Sumerer, spätestens aber Martin Luther, hätten vermutlich besorgt vermerkt: „Die Jugend von heute qualmt und hustet ja nicht einmal mehr anständig.“
Thema Haltung, Verantwortung, Engagement! Vier von fünf jungen Menschen halten den Klimawandel für menschengemacht, und mehr als die Hälfte ist bereit, das eigene Verhalten dafür zu ändern – nicht nur zu fordern, sondern selbst anzupacken. Das politische Interesse Eurer Generation ist seit den frühen 2000ern deutlich gestiegen, die Bereitschaft, sich tatsächlich einzubringen ebenso. Und der vielbeklagte „Mangel an Respekt“? Eure Toleranz gegenüber anderen Lebensformen liegt deutlich höher als je zuvor – und drei von vier von Euch vertrauen trotz Krieg, Krise und negativen Schlagzeilen weiterhin auf Demokratie und Rechtsstaat.
Wir haben hier also, wie es mir scheint, zumindest im Durchschnitt eine Generation, die nüchterner, gesünder, toleranter und engagierter ist als die allermeisten, die je den Stab über sie gebrochen haben.
Damit Ihr das aber nicht nur von mir als hoffnungslos optimistischem Tutor hören müsst, wollte ich Verstärkung holen. Und so habe ich irgendwie noch nebenbei in den vergangenen 1,5 Wochen Briefe geschrieben: an Frau Merkel, an Herrn Merz, an Herrn Habeck – an Menschen jeglicher Couleur eben, die unser Land mitgestalten und für die das Thema Zuversicht handlungsleitend sein sollte. Mit der Bitte um ein kurzes Wort an Euch, eine Botschaft der Zuversicht und des Vertrauens, dass Ihr das schon machen werdet.
Und drei Personen haben tatsächlich geantwortet – fangen wir doch mit unserem Bundeskanzler an:


Und da hat sich gerade gestern noch eine Politikerin bei mir zurückgemeldet, die ich Euch als zweite im Bunde nicht vorenthalten möchte, ihr Klartext kommt im Vergleich zum Kanzler von der entgegengesetzten Seite des politischen Spektrums, ihre Grußworte zeigen aber ebenso einen anderen Blick auf „diese Jugend“ – und, wie sie schrieb, ihr Gruß geht direkt an Euch, den hat sie extra für Euch noch gestern in der Berliner Hitze aufgenommen – Heidi Reichinnek:
Und es hat sich noch einer gemeldet, den Ihr spätestens in der Corona-Zeit alle kennengelernt habt und der Euch sicherlich sowohl im Unterricht als auch Zuhause mit seinen Erklärvideos begleitet (und vielleicht manches Referat gerettet?) hat – Mirko Drotschmann, Euch wohl eher als MrWissen2Go bekannt:
Ihr merkt vielleicht – so einig sind sich die Erwachsenen gar nicht in ihrer Niedergangsdiagnose!
Aber wisst Ihr was? Es ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass ich nicht so viele Unterstützer für Video-Grußbotschaften gefunden habe. Denn ich brauche keine Altkanzlerin und keinen Vizekanzler außer Dienst, keinen Musikstar oder Influencer um Euch zu sagen, was ich mit eigenen Augen täglich hier gesehen habe.
Der beste Beweis für meine Zuversicht sitzt direkt hier in der THG-Aula – und das seid Ihr!
Und deshalb sage ich Euch jetzt, ganz ohne Ironie und ganz ohne Konjunktiv: Ich bin zuversichtlich.
Nicht trotz Euch, sondern wegen Euch. Ich traue dieser Generation – Euch – zu, dass Ihr eines Tages die Geschicke dieses Landes und dieser Gesellschaft in die Hand nehmt.
Und ich gestehe offen: Ich schlafe ruhiger in dem Wissen, dass Ihr es sein werdet. Auf jeden Fall nüchterner, da lügt die Statistik nicht, und vielleicht auch (noch) verantwortungsvoller als die Generationen vor Euch.
Und sollte in 5000 Jahren irgendwo eine Tontafel, ein Cloud-Backup oder was auch immer dann gerade Mode ist, wieder einmal von „der schrecklichen Jugend von heute“ raunen, dann denkt an diesen Tag, lächelt kurz und wisst: Diesen Satz hat es immer gegeben, es wird ihn immer geben, aber das macht ihn nicht richtiger.
Und wenn ich heute nicht eine negative Entwicklung erwähnt habe, und derer gibt es natürlich mehr als genug, dann liegt das am Anlass und daran, dass wir auch einmal einfach nur feiern dürfen!
Jetzt aber entlassen wir Euch aus diesen Räumen und Fluren, die Ihr mindestens neun Jahre lang mit Eurer Persönlichkeit, Eurem Lachen und Weinen und Euren Geschichten bereichert und mit Leben erfüllt habt.
Ich bin also zuversichtlich. Und ich bin – ganz nebenbei – ziemlich stolz. Auf einen Jahrgang, der mir soeben sogar bewiesen hat, dass er eine Rede mit 5000 Jahren Zeithorizont mit Fassung, Humor und Haltung ertragen kann. Auf einen Jahrgang, dem ich nur noch eins mitgeben will: Greift das Leben mit vollen Händen und macht was draus – fallt hin, steht wieder auf, lernt fliegen und genießt diese schöne Welt!
Wie immer gilt für mich: Es ist schön, Lehrer zu sein! Es war schön, Euer Lehrer zu sein!
Herzlichen Glückwunsch zum Abitur 2026 – die Zukunft kann kommen.
Bei Euch ist sie in den allerbesten Händen!



Super!