Dank Online-Tools können Schülerinnen und Schüler und Lehrpersonen gleichzeitig an einem Dokument schreiben, eine Präsentation erstellen, Grafiken gestalten oder eine Tabelle ausfüllen. Zumeist ist es dabei möglich, individuell vorgenommene Änderungen live nachzuvollziehen und zu sehen, wer welchen Inhalt beigetragen hat.

Diese Funktionen sind im Unterrichtsalltag schon so schüler- und zielorientiert wie kompetenzbezogen einsetzbar und entfalten ganz aktuell im Fernunterricht bzw. in Mischformen von Präsenz- und Fernunterricht ihr volles Potential. Ein Potential, das auch auf den Unterricht nach Corona Auswirkungen haben und die Nutzung orts- und zeitunabhängiger Zusammenarbeit verstärken wird.

Lernen ist – wenn nicht reproduzierbares „Container-Wissen“ das Ziel ist – immer Interaktion und ein dialogischer Prozess. Auch im Praxisfeld Schule genügt es daher nicht, den Schülerinnen und Schülern lediglich Lernsoftware oder Apps zur Verfügung zu stellen. In diesem Kontext wären digitale Geräte, das Internet und (Web)Anwendungen dann lediglich Werkzeuge, um die Kommunikation zwischen Lernenden zu ermöglichen und Lernprozesse zu initiieren bzw. zu unterstützen.

Steffen Jauch

Prozesse kollaborativen Schreibens erfordern und fördern besondere Kompetenzen dialogischen Lernens und Arbeitens. Zugleich können sie in einem Unterricht, der nicht mehr verlässlich auf der Präsenz aller Schüler und Lehrpersonen beruht, sondern weder orts- noch zeitgebunden abläuft, den Rahmen für gemeinsames Arbeiten, gemeinsame Ergebnisse schaffen.

Was leisten kollaborative Tools für Schreiberziehung und Kompetenzförderung?

Neben der vereinfachten Zusammenarbeit im Klassen- und Kursverband, in Kleingruppen und Teams leisten kollaborative Arbeitsformen – richtig angelegt und behutsam und stufenweise eingeführt – Beiträge zur Unterrichtsentwicklung. Auf der ZUM-Website finden sich grundlegende Hinweise (und auch ein anschauliches Unterrichtsbeispiel):

    • Kollaboratives Arbeiten ist zumeist weder orts- noch zeitgebunden und öffnet bestehende Unterrichts- und Raumkonzepte.
    • Prozessorientiertes Schreiben wird durch das Bereitstellen von Feedback-Mechanismen gefördert. Die Schreibphasen „Entwurf – Feedback – Überarbeitung” lassen sich deutlich trennen und kollaborativ organisieren. Das ermöglicht das Entstehen von Texten in einem kooperativen und kommunikativen Prozess. Die Ergebnisse sind allen Beteiligten gleichermaßen online zugänglich.
    • Kollaboratives Arbeiten fördert Teamarbeit: Die Verantwortung für den Team-Erfolg ruht mehr oder weniger gleichmäßig auf allen Schultern. Hierfür ist eine klare Zuordnung der Zuständigkeiten hilfreich, damit nicht die zu leistende Arbeit auf die bekannten Leistungsträger oder üblichen Freiwilligen abgeschoben werden kann.
    • Durch gemeinsames Lernen können unterschiedliche Lernertypen voneinander profitieren und sich in ihren Fähigkeiten bzw. Kenntnissen ergänzen. Dies betrifft z.B. Argumentationslogik, Orthografie, Stilistik oder auch Organisationstalent.
    • Kollaboratives Arbeiten dient dem Erwerb von Medienkompetenz durch das praktische Kennenlernen kollaborativer Arbeitsweisen und entsprechender Internet-Plattformen. In deren praktischer Erprobung werden Kenntnisse über die Chancen, Risiken und Grenzen solcher Instrumente erworben.

Doch welche Anwendungen sind – auch für weniger erfahrene Lehrpersonen und Schüler – für diesen Zweck niedrigschwellig und zugleich schülerorientiert nutzbar?

Kollaboratives Schreiben mit Google Docs

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Spontane kollaborative Sprachkorrektur im Spanischunterricht (Jahrgang 11)

Jede Lehrperson mit einem GMail-Konto oder einem Google-Account kann die integrierte Softwaresammlung Google Docs Textdokumente, Tabellen, Formulare, Präsentationen und Zeichnungen nutzen und zum gemeinsamen Arbeiten teilen. Insgesamt sind die Tools mit den üblichen Office-Anwendungen vergleichbar und bieten ähnliche Formatierungsmöglichkeiten wie bspw. Microsoft Word.

Besonders die kollaborativen Funktionen sind einfach und praktisch gehalten. Beliebig viele Nutzer können an einem Dokument arbeiten, das ganz einfach per Klick auf auf den großen und gut sichtbar platzierten „Freigeben“-Button für andere Teilnehmer geöffnet wird. Noch kurz einstellen, welche Rechte Personen nach Klick auf den Link haben (dürfen anschauen / dürfen schreiben) und schon lässt sich der Link problemlos verschicken.

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Kollaborative Ergebnissicherung während der arbeitsteiligen Erarbeitung von Historikertexten (mit 17 SuS im Geschichtsunterricht der Q1)

Die Zusammenarbeit funktioniert dann in Echtzeit, alle Änderungen sind sofort sichtbar. Zugleich lässt sich mit allen aktiven Nutzern in einem integrierten Chat kommunizieren und bspw. über die Inhalte austauschen.

Praktisch gerade für Lehrpersonen: Um mit Schülern gemeinsam in einem Dokument zu arbeiten, benötigen diese keinen Google Account. Es reicht aus, wenn die Lehrperson ein Dokument freigibt, das sich einfach per Klick öffnen lässt. Die Teilnahme ist dann völlig anonym.

Kollaboratives Schreiben mit Microsoft Word und Powerpoint

Genauso einfach wie mit Google Docs ist das kollaborative Schreiben mit allen aktuellen Microsoft Office-Anwendungen. In Word oder Powerpoint findet sich ebenfalls gut sichtbar platziert ein „Teilen“-Button, mit dem Dokumente ad hoc für andere Nutzer freigegeben werden können.

Wichtig hier: Ist das Dokument auf dem lokalen PC gespeichert, funktioniert das kollaborative Arbeiten nicht. Erst wenn der Text in dem Cloud-Dienst Microsoft One Drive gespeichert wird (der kostenlos verfügbar ist), können andere Nutzer eingeladen werden. In diesem Microsoft-Tutorial zum kollaborativen Arbeiten mit Office-Anwendungen finden sich gute Hinweise zum Vorgehen in wenigen Schritten.

Auch hier können Lehrpersonen unterschiedliche Rechte vergeben (kann anzeigen/kann bearbeiten) und dann den Link zum weiteren Versenden (per Mail oder Messenger) kopieren oder direkt aus Word oder Powerpoint heraus an E-Mailempfänger schicken.

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Ganz einfach ein Word-Dokument freigeben: Klick auf „Teilen“ – in Microsoft OneDrive speichern – Personen einladen – Berechtigungen vergeben – loslegen!

Sobald die Empfänger den Link öffnen, können sie mitarbeiten. Alle Änderungen werden dann direkt live, wie auch bei Google Docs, und unterschiedlich farbig markiert angezeigt.

Kollaboratives Schreiben mit Apple Pages und Keynote

Seit einiger Zeit bieten auch die Apple Office-Anwendungen eine Kollaborationsfunktion. Diese funktioniert sehr einfach und eignet sich damit besonders für Schulen, die iPads flächendeckend einsetzen. Die Schüler können dann niedrigschwellig und ad hoc im Unterricht oder zuhause kollaborativ zusammenarbeiten.

Auch hier ist der entsprechende Button gut sichtbar oben rechts plaziert. Und genauso wie bei allen anderen Anwendungen lassen sich zunächst die Rechte der Nutzer einstellen und dann die Freigabelinks schnell und einfach verschicken.

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Einfaches und schnelles kollaboratives Arbeiten mit iPads: Keynote über den „Personen einladen“-Button freigeben – Link senden – loslegen! (hier mit 20 SuS in Geschichte zum gemeinsamen Erstellen einer arbeitsteilig vorbereiteten Präsentation zum Semesterthema „Völkerwanderung“

In Gruppenarbeiten in mit iPads ausgestatteten Kursen ist nun jeder ad hoc mit seinem iPad dabei und gefordert, eigene Beiträge zum Gruppenergebnis zu erstellen. War es vorher in Gruppenarbeiten häufig sehr leicht, sich zurückzulehnen und von der Arbeit der Gruppen zu profitieren, steht nun echtes kooperatives Lernen und Arbeiten im Vordergrund – jeder trägt zum Endergebnis bei.

Kollaboratives Schreiben mit Etherpads

Besonders einfach und simpel – und zudem von jeglichem kommerziellen Hintergrund frei – sind Etherpads. Einfache webbasierte Texteditoren, mit denen mehrere Personen gleichzeitig an einem Dokument arbeiten können. Auch hier sind alle Änderungen für alle Beteiligten sofort sichtbar und dank farblicher Markierung der Nutzer auch unterscheidbar. Zudem bieten die meisten Etherpad-Anwendungen eine praktische Chatfunktion für Absprachen, Rückfragen oder Diskussionen.

Etherpads dienen der Zusammenstellung von Textinhalten. Die Textbearbeitung ist im Vergleich zu den gängigen weiter oben beschriebenen Office-Lösung nur in Grundfunktionen möglich. Bilder, Videos oder andere Elemente können nicht eingefügt werden, während Links automatisch erkannt werden. Die Funktionen reichen aber in der Regel aus, wenn Inhalte im Vordergrund stehen – es zählt vor allem die einfache und unkomplizierte Bedienung bei niedrigschwelligem Zugang.

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Beispiel für ein ZUMpad zur Organisation einer Klassenfahrt – einfaches und schnelles kollaboratives Schreiben (ZUMpad)

Die zeigt sich auch bei der Vorbereitung: Ein Etherpad für den Unterricht vorzubereiten dauert in der Regel nur wenige Minuten und ist meist nur 1-2 Klicks entfernt. Bekannte Anbieter von Etherpads sind:

Etherpads lassen sich auch einfach in vorhandene Blogs oder Websites einbinden, wie ich hier zeige. So kann auch direkt in diesem Blogbeitrag geschrieben werden – beispielsweise zur Frage: Wofür lassen sich Etherpads im Unterricht verwenden?

In einem kurzen Tutorial zeige ich die Funktionsweise von BoardNet als ein Beispiel für ein Etherpad:

Kollaboratives Schreiben mit IServ – Textmodul (Etherpad)

IServ Textmodul Kollaboratives Schreiben
IServ-Textmodul – einfach und praktisch, weil direkt in IServ integriert

Ein in vielen Schulen genutztes Schulserver-System ist IServ. Diese Plattform kombiniert Schul- und Unterrichtsverwaltung mit datenschutzkonformen Kommunikationsmöglichen. Zudem werden laufend Module ergänzt, die gerade im Fern- und Hybridunterricht zielführend und interessant einzusetzen sind. Hierzu zählen seit April 2020 auch Videokonferenzen (über Big Blue Button).

Schon länger bietet IServ die Möglichkeit kollaborativer Textarbeit mit dem „IServ Textmodul“, das auf Basis eines Etherpads in die IServ-Oberfläche integriert ist. Vorteil: Die Schülerinnen und Schüler lassen sich direkt per Freigabe-Funktion freischalten – eine Einladung per Mail oder Link entfällt, da in der Regel sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrpersonen in IServ hinterlegt sind.

Das IServ-Textmodul bietet einfache, aber nützliche Funktionen eines Etherpads. So lassen sich die Texte in verschiedenste Formate exportieren, ein Chat steht ebenfalls zur Verfügung (sehr praktisch im Fernunterricht oder für die Zusammenarbeit allgemein). Schade ist, dass für den Unterricht praktische Zusatzfunktionen wie bei BoardNet (bspw. das Einfügen von Bildern) fehlen. 

Gerade das integrierte Arbeiten in einem System, die nahtlose Zusammenarbeit mit allen Schulnutzern ist aber der große Vorteil des IServ-Textmoduls – sowohl für die Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern als auch im Kollegium.

In einem kurzen Erklärvideo von IServ lassen sich die Funktionen nachvollziehen:

Kurzfazit

Mit zunehmender Digitalisierung der Schulen, verbesserter Ausstattung und der systematischen Förderung von Kompetenzen in der digitalisierten Welt kommen neue Methoden und Möglichkeiten zu den altbewährten hinzu. Kollaboratives Erstellen von Inhalten, das gemeinsame Schreiben an Texten, Präsentationen und anderen Lernprodukten wird zunehmend zur Selbstverständlichkeit.

Gerade unter den aktuellen Bedingungen bieten die hier vorgestellten Anwendungen Lehrpersonen und Schülern die Möglichkeit, ganz einfach und schnell zusammenarbeiten zu können – und das orts- und zeitunabhängig. Eine Möglichkeit, die übrigens im Präsenzunterricht genauso praktisch ist (in Gruppenarbeiten oder im Klassen-/Kursverband) wie aktuell im Fernunterricht.

Vielen Lehrpersonen ist noch gar nicht bekannt, dass die auf ihren Geräten (Laptops, Tablets oder ggf. auch Smartphones) installierten Anwendungen diese Option schon länger bieten. Und auch vielen Schülern sind diese Funktionen neu.

Bei der Planung sollte aber – lerngruppenspezifisch und altersstufengerecht – behutsam vorgegangen werden. Beginnt man direkt mit größeren kollaborativen Arbeitsaufträgen, wird das gerade bei jüngeren Schülern schnell zu Überforderung führen. Der übliche Teufelskreis aus „Ich mache das mal –> die SuS machen damit nur Unfug und missbrauchen ihre Freiheiten –> ich lasse es, funktioniert ja doch nicht“ entsteht. Die Erfahrung zeigt: In der Regel treten schnell Gewöhnungseffekte ein und die Schüler arbeiten bald konzentriert und kompetent mit den Anwendungen. Was viele Lehrpersonen übersehen: Kollaboratives Schreiben ist eine grundlegend zu erlernende Kompetenz, die Schüler nicht ad hoc beherrschen – stufenweise angelegtes Heranführen bspw. in jüngeren Jahrgängen ist daher sehr wichtig.

Der Einstieg bietet sich mit sehr simplen Anwendungen wie einem Etherpad und kleineren Arbeitsaufträgen an, später kann in größerem Umfang und mit zahlreichen Format- und Layoutmöglichkeiten auf Office-Anwendungen zurückgegriffen werden. Insbesondere in der Sekundarstufe II lässt sich damit sowohl Präsenz- als auch Fernunterricht effektiv gestalten.

Youtube-Tutorial: Kollaboratives Arbeiten – 6 Tools für Präsenzunterricht und Fernunterricht

Hilfreiche Unterstützungsmaterialien

In diesem (hier anschaubaren und herunterladbaren) „Werkzeugkasten Kollaboratives Lernen im Internet“ finden sich ausführliche Erläuterungen und zahlreiche Beispiele für konkrete Anwendungen.

Medien_in_die_Schule-Werkzeugkasten_kollaborativ-schreiben


Eine ausführlichere Version dieses Beitrags mit zahlreichen Unterstützungsmaterialien (Handkarten, Feedbackbögen etc.) und Zugriff auf weitere passende Beiträge und Inhalte findet sich bei IQES online.

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