Kürzlich hat Joscha Falck einen Blogbeitrag veröffentlicht, der einerseits das subjektive Empfinden vieler Lehrpersonen zum status quo aufgreift, andererseits aber genauso zum (konstruktiven!) Weiterdenken anregt. Konkret: Er nimmt 9 KI-Paradoxien – formuliert als Widersprüche im Umgang mit LLM/KI-Implementierung in Schule und Unterricht – in den Blick. Damit zeigt er exemplarisch Spannungsfelder auf, in denen sich viele Kolleginnen und Kollegen bewegen – und die teils gar nicht neu sind, wenn man den Digitalisierungsprozess der letzten 5-10 Jahre betrachtet.
In seinem Blogbeitrag schreibt Joscha dazu einleitend: „Während KI-Systeme das Potenzial haben, Lernprozesse zu verbessern und Lehrkräfte zu entlasten, treten im Schulalltag paradoxe Effekte auf: Entlastung, Kompetenzen, Motivation und einige andere Bereiche stehen in einem oft widersprüchlichen Verhältnis zu den Erwartungen.
Mit Blick auf diese Widersprüche wird mir zunehmend klarer, warum es so schwierig ist, KI „in die Fläche“ zu bringen. Ob wir sie auflösen können, vermag ich derzeit nicht zu beurteilen. Möglicherweise ist es ein Teil des kollektiven Lernprozesses, mit den folgenden Paradoxien umzugehen bzw. sie zumindest auszuhalten.“
Dass die Kultusministerkonferenz am heutigen 10.10.2024 die „Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen“ beschlossen hat, ist ein erster Schritt hin zu einer länderübergreifenden Herangehensweise. Anhand mehrerer zentraler Themenbereiche (Einfluss auf Lernen und Didaktik; Veränderung der Prüfungskultur; Professionalisierung von Lehrkräften; Regulierung; Chancengerechtigkeit) formulieren die Länder eine gemeinsame Position für einen konstruktiv-kritischen Umgang mit KI in der Schule. Das ist ein positives Zeichen, immerhin.
Nach einem Austausch mit Joscha habe ich recht spontan einen Videokommentar zu den hier aufgeworfenen Fragen aufgenommen und eine weitere, mir mit Blick auf Schul- und Unterrichtsentwicklung wichtig erscheinende Paradoxie ergänzt – das alles aus der Perspektive der Unterrichtspraxis und vor allem aus der Perspektive einer ganz normalen Schule.
Videokommentar: 10 KI-Paradoxien – Widersprüche im Umgang mit KI in der Schule
Und schriftlich: Erläuterungen, Anmerkungen und Reflexion zu den 9+1 KI-Paradoxien
Joscha beschreibt in seinem Beitrag sehr treffend die Widersprüche, die viele von uns im Schulalltag erleben, wenn es um den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) geht. Ich habe dazu auch im Blogbeitrag „Schulleitung in Zeiten von KI & ChatGPT“ grundlegend geschrieben. Denn diese Widersprüche sind nicht ausschließlich neu – sie gab es bereits bei der Digitalisierung im Allgemeinen. In Zeiten von KI und insbesondere Sprachmodellen wie ChatGPT oder Claude treten sie aber noch deutlicher zutage.
Lasst uns also einen Blick auf die von Joscha identifizierten Paradoxien werfen, denen ich am Ende noch ein eigenes Paradoxon hinzufüge.
1. Das Entlastungsparadoxon
Das erste Paradoxon trifft den Nagel auf den Kopf: KI und Sprachmodelle sollen uns entlasten – sei es als Ideenquelle, bei der Unterrichtsplanung oder zur Unterstützung im Alltag. Gleichzeitig erfordern sie aber auch Zeit, um sich einzuarbeiten. Oft braucht man mehr Zeit für die Arbeit mit KI, als man durch diese eigentlich einsparen möchte. Diese Widersprüchlichkeit beginnt sich erst aufzulösen, wenn man KI als selbstverständlichen Bestandteil des Unterrichtsprozesses ansieht und integriert. Doch genau das stellt für viele eine erste, oft entscheidende Hürde dar – denn die Einarbeitungszeit stellt für viele weniger erfahrene Kolleginnen und Kollegen eine erhebliche Zusatzbelastung dar, die im Unterrichtsbetrieb teils kaum leistbar ist.
Eine kleine Anekdote: Ein Kollege, der vor kurzem in den Ruhestand ging, erzählte, dass er nach all den Jahren, in denen er sich mühsam in die Digitalisierung eingearbeitet hatte, jetzt erst die Früchte seiner kontinuierlichen Arbeit (Unterrichtsplanung, Materialerstellung, Ablage und Dokumentation, gesammelte Erfahrungen) ernten könnte – doch nun ginge er in Pension. Ich denke, Ähnliches könnte uns auch im Umgang mit KI passieren: Die Mühe lohnt sich, aber die „Ernte“ erfolgt oft später.
2. Das Kompetenzparadoxon
Das zweite Paradoxon beschreibt die Anforderungen an die Kompetenzen im Umgang mit KI. Einerseits setzen wir voraus, dass unsere Schülerinnen und Schüler kritisches Denken, Reflexionsfähigkeit und Faktenwissen mitbringen, um KI-Ergebnisse hinterfragen zu können. Andererseits erfordert genau dieser Prozess, dass sie bereits mit KI arbeiten und dies auch angeleitet im Unterricht tun. Hier gilt es einen Negativkreislauf zu vermeiden: Wir können nicht erwarten, dass sie diese Fähigkeiten bereits haben, ohne ihnen vorher die Gelegenheit gegeben zu haben, KI zu nutzen.
Vielleicht sollten wir uns hier an das 4A-Modell von Doris Wessels halten: Aufklären, Ausprobieren, Aktivwerden und Akzeptieren (dass die Technologie da ist). So können wir das Kompetenzparadoxon aktiv angehen.
3. Das Toolparadoxon
Dieses Paradoxon beschreibt das Dilemma, dass ständig neue KI-Tools entwickelt werden, die gerade in Social Media als bahnbrechend angepriesen werden. Doch in der Realität kommt kaum eines davon im Unterricht an. Hier müssen wir von einem „Versionswissen“ hin zu einem „Konzeptwissen“ kommen. Es geht nicht darum, jedes neue Tool zu kennen, sondern zu verstehen, wie wir KI sinnvoll in unsere Unterrichts- und Schulkonzepte integrieren können. Es reicht, wenn einige Interessierte die Tools testen und ihre Erfahrungen teilen. Wir müssen nicht alle immer auf dem neuesten Stand sein, sondern sollten in der Lage sein, die Technologie in unsere bestehenden Schulinitiativen einbinden und reflektieren zu können, inwiefern eine KI-geprägte Lernumgebung unseren Schülerinnen und Schülern in all ihrer Unterschiedlichkeit beim Lernen helfen kann.
4. Das Kooperationsparadoxon
Hier geht es um die Nutzung von KI sowohl durch Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler. KI könnte ein großartiger Lernpartner sein, doch oft herrscht Misstrauen. Statt KI offen zu nutzen und gemeinsam darüber zu sprechen, verstecken die Schülerinnen und Schüler ihre Nutzung – es entsteht ein Katz-und-Maus-Spiel. Dabei sollten wir das Gegenteil tun: den Umgang mit KI transparent und offen gestalten und im Unterricht besprechen, wann und wie KI sinnvoll ist und wann nicht.
5. Das Motivationsparadoxon
KI kann Schülerinnen und Schüler durch differenzierte Materialien oder personalisiertes Feedback motivieren. Auf der anderen Seite könnte die Frage aufkommen: Warum sollte ich das alles noch lernen, wenn die KI es für mich erledigen kann? Dies könnte zu einem „Skill-Skipping“ führen, bei dem wesentliche Lernprozesse ausgelassen werden. Ein übermäßiges Vertrauen in KI-Ergebnisse könnte die eigene Kompetenz schwächen. Hier müssen wir klar machen, warum das Lernen trotz KI wichtig bleibt.
6. Das Gerechtigkeitsparadoxon
KI bietet theoretisch gleiche Chancen für alle, doch in der Praxis verstärkt sie oft Ungerechtigkeiten. Wohlhabendere Schülerinnen und Schüler können sich Premium-Lizenzen leisten und so von besseren Tools profitieren, während andere außen vor bleiben. Hier müssen wir als Schule Lösungen finden, um allen den Zugang zu KI-gestützten Lernhilfen zu ermöglichen.
7. Das Geschwindigkeitsparadoxon
Die technologische Entwicklung schreitet unglaublich schnell voran, doch unser Schulsystem kann nicht mithalten. Während KI sich rasant entwickelt, hinkt die Bildungspolitik hinterher. Die Unterschiede zwischen einzelnen Schulen und Bundesländern sind enorm. Hier besteht die Gefahr, dass Schulen, die nicht hinterherkommen, abgehängt werden.
8. Das Administrationsparadoxon
Bildungspolitik und Schulverwaltung erkennen die Notwendigkeit, sich schnell zu entwickeln, doch oft stehen sie sich selbst im Weg. Bürokratische Hürden und Datenschutzfragen bremsen innovative Ansätze aus. Hier müssen wir als Lehrkräfte proaktiv bleiben und uns von der Verwaltung nicht ausbremsen lassen.
9. Das Erkenntnisparadoxon
Viele Kolleginnen und Kollegen wollen erst Studienergebnisse abwarten, bevor sie sich auf neue Technologien einlassen. Doch wie sollen valide Ergebnisse entstehen, wenn nicht genügend Lehrkräfte bereit sind, KI im Unterricht auszuprobieren? Hier braucht es Mut, Neues auszuprobieren und Erkenntnisse durch eigene Erfahrungen zu sammeln.
10. Das Zielparadoxon
Viele von uns streben danach, den Unterricht schülerorientierter im Sinne offenerer und freierer Lernumgebungen zu gestalten, doch KI könnte auch das Gegenteil bewirken. Sie kann bestehende Unterrichtskonzepte stützen und zu einer weiteren Verfestigung von Frontalunterricht beitragen. Intelligente Tutorielle Systeme (ITS) zeigen exemplarisch den schmalen Grat auf, in dem sich die Entwicklung neuer Lernkonzepte bewegt. Hier liegt es an uns, KI so einzusetzen, dass sie unser Verständnis von gutem Unterricht unterstützt – und nicht alte Strukturen weiter festigt.
Kurzfazit
Die von Joscha Falck beschriebenen Paradoxien zeigen eindrücklich, wie komplex der Umgang mit KI in der Schule ist. Diese Widersprüche sollten jedoch als Chance begriffen werden, um über unsere Schulentwicklung nachzudenken. Dazu gehört, dass wir uns aktiv mit diesen Paradoxien auseinandersetzen die Diskussion darüber offen und sachlich führen – im Kollegium, in Fortbildungen und natürlich ebenso mit unseren Schülerinnen und Schülern.
[Diese schriftliche Zusammenfassung habe ich auf Basis des Videoskripts von ChatGPT4o erstellt und anschließend überarbeitet]




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