Seit einigen Wochen sorgt die gar nicht ganz neue Google-Plattform „NotebookLM“ in Social Media für Furore: Es böten sich nun ungeahnte Möglichkeiten, aus jedem beliebigen Material erstaunlich gute Podcasts zu generieren.
Und tatsächlich: Lade ich ein beliebiges Dokument oder auch diverse Materialien (wie Texte, Screenshots aus Lehrwerken, Audios oder Videos) bei NotebookLM hoch, erhalte ich innerhalb kurzer Zeit einen Podcast, dem ich gut zuhören kann und dessen zwei Protagonisten (eine Frau und ein Mann, manchmal auch mehr) im Plauderton die Inhalte meines Dokuments besprechen. Zunächst nur in US-Englisch, was überraschend ironisch klingen konnte – wenn z.B. das niedersächsische Schulgesetz und das dreigliedrige Schulsystem von US-Amerikanern besprochen werden – jetzt aber auch mit einer kleinen Anpassung in deutsch und vielen weiteren Sprachen. Schauen wir also mal kurz rein…
Was ist NotebookLM?
NotebookLM ist ein innovatives, von Google entwickeltes KI-gestütztes Notiz- und Recherche-Tool, das speziell darauf ausgelegt ist, den Umgang mit komplexen Informationsmengen zu erleichtern. Es richtet sich unter anderem an Lehrkräfte und bietet eine Plattform, um Unterrichtsmaterialien effizient zu organisieren, zu analysieren und didaktisch aufzubereiten. Die zentrale Funktion von NotebookLM besteht darin, verschiedene Arten von Dokumenten – wie PDFs, Word-Dokumente, Notizen, Präsentationen oder Weblinks – hochzuladen und mithilfe künstlicher Intelligenz tiefgreifend zu analysieren. Dabei kann die Plattform nicht nur Inhalte zusammenfassen, sondern auch gezielt Fragen zu den hochgeladenen Materialien beantworten.
Eine besondere Stärke von NotebookLM liegt in der Möglichkeit, automatisch Audio-Zusammenfassungen in Form von Podcasts zu erstellen. Dies bietet die Gelegenheit, Texte in ein dialogisches Format umzuwandeln, das besonders hilfreich ist, um Informationen als Audio für unterschiedliche Anlässe aufzubereiten.



Wie kann ich NotebookLM nutzen?
Sprachunterricht: Lehrkräfte können Texte oder literarische Werke hochladen und NotebookLM nutzen, um Zusammenfassungen zu erstellen oder Fragen zum Text zu beantworten. Zudem können Podcasts generiert werden, die den Inhalt in einem Gesprächsformat präsentieren, was das Hörverständnis der Schüler fördert. Gerade für Hörverstehensübungen ist NotebookLM schon jetzt wunderbar, da sich jedes beliebige Thema generieren lässt – so sind Lehrkräfte nicht mehr auf die immer gleichen didaktisierten HV-Texte aus den Lehrwerken angewiesen.
Geschichtsunterricht: Durch das Hochladen historischer Quellen oder von Darstellungen kann NotebookLM dabei helfen, komplexe Ereignisse zusammenzufassen und wichtige Themen zu extrahieren. Dies unterstützt Schüler dabei, ein besseres Verständnis für historische Zusammenhänge zu entwickeln, zumal auch Screenshots bspw. aus dem Lehrwerk für ein nochmaliges Umwälzen der Inhalte genutzt werden können.
Naturwissenschaften: Lehrkräfte können wissenschaftliche Artikel oder Studien hochladen und NotebookLM nutzen, um die Hauptpunkte zusammenzufassen oder in einer „Diskussion“ die wichtigsten Aspekte zu besprechen. Eine der häufigsten Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler ist es, dass sie sich gerade im MN-Bereich davon ein tieferes Verständnis mancher Materie erhoffen.
Video-Tutorial NotebookLM
Im Youtube-Tutorial stelle ich NotebookLM vor, zeige die wesentlichen Funktionen und ein Beispiel für einen Podcast – einfach mal reinschauen:
Unterrichtsbeispiel: Russische Revolution 1917
Für die morgige Geschichtsstunde in meinem Tutorium möchte ich gerne Lernen mit und über KI anbahnen und dazu meinem Kurs einen Podcast „Russische Revolutionen 1917“ vorbereiten. Auf Grundlage ihrer Kenntnisse – wir erarbeiten aktuell den Prozess von der Abdankung des Zaren in Folge der Februarrevolution bis zur „Oktoberrevolution“ – sollen sie den Podcast als ergänzendes Material (vorher im Fokus: Arbeit mit Textquellen) beurteilen.
Dafür habe ich unterschiedliche Materialien bei NotebookLM reingeladen: Texte der Bundeszentrale für politische Bildung und des DHM sowie einen Lehrwerkstext, auch Youtube-Videos wären möglich (sofern Transkripte unterstützt werden).
Nun möchte ich den Podcast gerne in deutscher Sprache erhalten. Dazu klicke ich in dem „Audio-Übersicht“-Kasten oben rechts auf „Anpassen“ und gebe anschließend den Prompt „Der Podcast ist auf ein deutschsprachiges Publikum ausgerichtet. WICHTIG, sprecht auf Deutsch“ ein (s. Abbildungen / Prompt via Jens Polomski bei LinkedIn).


Das Ergebnis in deutscher Sprache überzeugt sprachlich noch nicht wirklich, kann aber inhaltlich doch eine gute Zusammenfassung für Lernende bedeuten (gerade im Vergleich mit populären Lernportalen und deren Niveau). Wer möchte, kann hier reinhören:
Um die Ausgabe noch etwas zu verbessern, versuche ich mit einer Prompt-Anpassung sowohl sprachlich als auch inhaltlich die Podcast-Erstellung zu präzisieren.

Mit dem Prompt in der Abbildung entsteht ein neuer Podcast, der nun doch noch etwas passender erscheint – und tatsächlich gleiten die KI-Protagonisten deutlich weniger in englische Formulierungen ab und sind inhaltlich klar auf Lenins Aufstieg fokussiert. Hier reinhören:
Im zweiten Schritt erstelle ich daher einen Podcast in englischer Sprache und präzisiere den Prompt mit der Anweisung „Erläutere, wie es zur Oktoberrevolution kam und welche Folgen diese hatte.“. Das Ergebnis fällt sprachlich natürlich besser aus (das sollte sich in deutscher Sprache bald ändern), ist mit ca. 30 Minuten ein deutlich ausführlicherer „deep-dive“ ins Thema und inhaltlich bietet sich den Lernenden ein guter Überblick über das Jahr 1917 und die Oktoberrevolution. Hier reinhören:
NotebookLM: Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler
Update 26.11.2024: In meinem Geschichte-Leistungskurs habe ich die deutsche Fassung des Podcasts als wiederholenden Einstieg in die Stunde genutzt. Dabei fiel das Feedback grundsätzlich positiv aus, größeres Erstaunen gab es angesichts der Qualität sowohl in deutscher, insbesondere aber in englischer Sprache (Lernen über KI). Aber die Schülerinnen und Schüler hatten schon sehr genau vor Augen, wofür sie eine solche Plattform nutzen würden – und wofür auch nicht (Lernen mit KI?). Kritik kam insbesondere an der schweren Nachprüfbarkeit der genannten historischen Daten, auch die Sorge vor „Halluzinationen“ kam im Gespräch, ein Schüler fand das künstlich erscheinende Wechselspiel der KI-Protagonisten (die sich häufiger gegenseitig ins Wort fallen) unnatürlich und störend. Insbesondere die recht allgemeine, im Gegensatz zum Unterricht trotz der gegebenen Quellen wenig spezifische Herangehensweise wurde kommentiert – typisch KI / Sprachmodell eben, so die gut informierten Schülerinnen und Schüler des 12. Jahrgangs. Insgesamt war der Kurs aber erstaunt und positiv überrascht, die Schülerinnen und Schüler möchten auf jeden Fall NotebookLM auch in anderen Fächern nutzen.


Reflexion: Positive und (potentiell) negative Aspekte von NotebookLM
-
- Strukturieren und Verarbeiten von Informationen: NotebookLM ermöglicht es, große Mengen an Informationen schnell zu verarbeiten und relevante Inhalte zu extrahieren, was die Unterrichtsvorbereitung erleichtert.
- Interaktive Lernmaterialien: Die Möglichkeit, Podcasts zu erstellen, bietet eine zusätzliche Methode, um Schülern Inhalte auf ansprechende Weise zu präsentieren.
- Vielseitigkeit: Das Tool kann in verschiedenen Fächern eingesetzt werden und unterstützt verschiedene Dokumenttypen.
Wie immer sollten auch (potentiell) negative Aspekte bedacht werden:
-
- Sprachunterstützung: Einige Funktionen, wie die Audio-Zusammenfassungen, sind derzeit originär nur in englischer Sprache verfügbar (per Prompt aber auf andere Sprachen anpassbar), was die Nutzung für nicht-englischsprachige Lehrkräfte einschränken kann.
- Datenschutzbedenken: Obwohl Google betont, dass NotebookLM keine personenbezogenen Daten zu Trainingszwecken verwendet und die hochgeladenen Inhalte sicher verschlüsselt werden, sollten Nutzer vorsichtig sein und keine persönlichen oder vertraulichen Informationen hochladen.
- Fehleranfälligkeit: Als experimentelles Tool kann NotebookLM gelegentlich ungenaue oder fehlerhafte Antworten liefern. Es ist daher wichtig, die generierten Inhalte vor der Verwendung im Unterricht zu überprüfen.
Mit Blick auf die Nutzung solcher Plattformen und den immer wieder auftretenden „Wow-Effekt“ kann ich letztlich – zumindest zum jetzigen Stand – aber nur dem ersten Kommentar Beat D. Honeggers zu NotebookLM zustimmen. Wir sollten einen Schritt zurücktreten und bei aller Neugierde und Begeisterung die eigentlichen Fragen nicht aus dem Blick verlieren.
-
- Welche Qualität hat Y, wenn ich es aus X generiere?
- Rechtfertigt die rasche und kostengünstige Verfügbarkeit von Y die evtl. schlechtere Qualität?
- Was bedeutet das für die Allgemeinbildung?
Teil jeder didaktischen Analyse sollte sein und bleiben, die (generierten) Materialien hinsichtlich ihrer Qualität / Lernförderlichkeit sehr genau zu prüfen. Das teilweise in NotebookLM entstehende Geplauder kann hilfreich für das Lernen ÜBER KI sein und damit NotebookLM zum Lerngegenstand im Unterricht werden lassen, kann aber inhaltlich wenig zielführend bzw. sogar weniger präzise oder weniger klar verständlich sein.
Wir sollten bedenken: Die Unterrichts- und Lernzeit bleibt für die Schülerinnen und Schüler gleich, die Möglichkeiten und damit die (multimedialen) Materialberge werden aber immer größer. Bei jedem Material, das wir KI-generieren – seien es Bild-, Text-, Audio- oder Videoquellen – sollte der didaktische Wert klar im Fokus stehen.
Ich persönlich glaube: Lern-Podcasts wie die von NotebookLM generierten könnten in Zukunft einen guten Platz im Material- und Medienmix einnehmen. Nicht jetzt, aber bald.


