Die Situation seit den Schulschließungen ist für Lehrpersonen, Schüler wie Familien eine besondere Herausforderung. Der gewohnte Unterrichtsalltag kann nicht – und soll auch gar nicht – wie zuvor weitergeführt werden. Und auch die am 15./16. April veröffentlichten Pläne der Länder für die Zeit ab Mai sehen kaum regulären Unterricht vor. Ganz anders als in Finnland, das relativ problemlos auf flächendeckenden Online-Unterricht für alle Schüler umstellte, fehlen zudem die Erfahrungen und Konzepte. Denn Lehr-Lernprozesse müssen unter den Bedingungen von (Online-)Fernunterricht gänzlich neu und anders strukturiert werden.

Ausgangslage – Lerneffekte und Bewertungen nach drei Wochen Fernunterricht

Die Resultate einer ersten großen Befragung durch fobizz mit 1.695 Lehrpersonen aller Schulformen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen deutlich, dass praktisch alle Lehrpersonen (98%) den Kontakt zu ihren Klassen halten – wenn auch deutlich differenziert bezüglich der Häufigkeit und der Kommunikationswege. Während mit 82,7% die E-Mail führt, nutzen immerhin 35,5% Videokonferenzen für den Fernunterricht – eine noch vor drei Wochen schwer vorstellbare Zahl.

Videokonferenzen im (Online-) Unterricht nutzen - Modell und Phasen für strukturierte Planung 1
Umfrage unter Lehrpersonen zur Nutzung von Kommunikationsmitteln für den Fernunterricht

Trotz dieser auf den ersten Blick positiven Ergebnisse geben auch zwei Drittel aller Lehrkräfte an, dass es aus unterschiedlichen Gründen (vor allem: benötigte Hardware nur teilweise vorhanden) schwierig sei, alle Schüler gleichermaßen zu erreichen und zu unterrichten. Diese Ergebnisse stimmen bedenklich.

An Schulen, deren Schüler und Lehrpersonen bereits über die Voraussetzungen verfügen, kann und sollte dennoch die Konzeptarbeit weitergehen. Hier werden wichtige Erfahrungen für die weitere Zeit gesammelt.

Gerade Videokonferenzen stellen – insbesondere für die Planungen in der in höheren Jahrgängen mit älteren Schülern oder der Vorbereitung des Abiturs – einen wichtigen und häufig bereits einfach realisierbaren Kommunikationskanal dar. Dies wird besonders im Falle längerer Schulschließungen immer relevanter und kann bedeuten, dass zunehmend auch Unterrichtsszenarien per Videokonferenz konzipiert werden könnten, sollten oder auch müssten. Dementsprechend werden in dem am 16.04.20 für Niedersachsen herausgegebenen „Leitfaden Schule in Corona-Zeiten“ explizit u.a. Videokonferenzen als Kommunikationskanal für Sprechzeiten genannt.

Spätestens seit den Erfahrungen der letzten Wochen ist völlig klar, dass Videokonferenzen reflektiert und nur mit methodischer Vorbereitung und Vortests der jeweils gewählten individuellen Lösung durchgeführt werden sollten. Dieser zentrale Lerneffekt muss berücksichtigt werden, sollen mögliche Vorteile von Videokonferenzen und anderen digitalen Interaktionsformaten für die weitere Unterrichtsentwicklung genutzt werden. Daher einleitend nur ganz kurz ein erfahrungsbasierter Überblick über häufig genutzte Einsatzszenarien der letzten Wochen.

Einsatzmöglichkeiten von Videokonferenzen für die pädagogische Arbeit

    • Ein gemeinsamer Start in den Tag mit einer kurzen Klassen-Videokonferenz
    • Eine Klassen-Video-Konferenz zu bestimmten Tageszeiten mit Austausch und Instruktion (die Erfahrung zeigt, dass auch diese Option gerade in höheren Jahrgängen gut funktioniert und die Schüler – bspw. per Meldekette – gut miteinander reden können)
    • Video-Konferenzen mit einzelnen Schülern (eine sehr sinnvolle Lösung, um mit den Schülern im Gespräch zu bleiben und die pädagogische Beziehung aufrecht zu erhalten)
    • Offene Beratungstermine zu festen Uhrzeiten / Sprechstunde
    • Gruppenarbeiten der Schüler untereinander, um kooperatives Lernen und Interaktion zu fördern (bspw. mit eigenen kleinen Meetings oder – noch einfacher – mit break-out-rooms bei Zoom)
    • Auch Elternsprechstunden wären natürlich denkbar, um Fragen klären zu können und ggf. zu Online-Lernangeboten beratend tätig zu werden
    • Genauso lassen sich bedarfsorientiert Elternabende über Videokonferenz-Tools organisieren (gerade für größere Gruppen bieten Tools wie Zoom praktische Einstellungen, um bspw. per Stummschaltung zentral zu informieren und erst im Anschluss offenen Austausch mit klaren Regeln zu ermöglichen)
    • Und natürlich eignen sich Videokonferenz-Tools für kollegialen Austausch jeglicher Art (Fachthemen, Webinare als Beratungsangebote, Sprechstunden, Schulleitungsaufgaben, …)

Videokonferenzen in strukturiert geplantem Fernunterricht

Hintergrund: Weitere Planungen zu Schulschließungen bzw. schrittweiser Öffnung der Schulen

Im Kontext vermutlich länger andauernder Schulschließungen legte zunächst die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften ein abgestuftes Öffnungskonzept vor. Dieses beruhte auf der Empfehlung, mit den unteren Klassen beginnend langsam wieder in Präsenzaktivitäten einzusteigen. Die Begründung, warum das Lernen zuhause für viele Schüler weniger effektiv als das Lernen in Schulen sei, wird dabei an drei wesentlichen Funktionen der Schule festgemacht:

Mit dem „Shutdown“ werden drei wesentliche Funktionen der Schule außer Kraft gesetzt: a) die auf das Lernen bezogenen Strukturierung des Alltags, b) der das Lernen unterstützende und die gesellschaftliche Teilhabe einübende soziale Austausch mit Gleichaltrigen und Lehrkräften, c) die professionelle Rückmeldung auf Lernfortschritte.

Leopoldina-Stellungnahme vom 13.04.2020

Für höhere Jahrgänge der gymnasialen Oberstufe wird vorgeschlagen, zunächst bei Fernunterricht-Szenarien zu bleiben. Damit wird es für hier eingesetzte Lehrpersonen zunehmend wichtig, Konzepte und Ideen zu entwickeln, sollten (Online-)Unterrichtsaktivitäten doch verbindlich werden.

Da die Möglichkeiten des Fernunterrichts mit zunehmendem Alter besser genutzt werden, kann die Rückkehr zum gewohnten Face-to-Face-Unterricht in höheren Stufen des Bildungssystems weiter hinausgeschoben werden. In der gymnasialen Oberstufe kann in höherem Maße auf das selbstorganisierte Lernen der Schülerinnen und Schüler, auf der Basis digitaler und analoger Lernmedien, gesetzt werden.

Leopoldina-Stellungnahme vom 13.04.2020

Grundsätzlich wurde dann am 15.04.2020 von Bund und Ländern entschieden, den Schulbetrieb ab dem 4. Mai schrittweise wieder aufzunehmen, zunächst prioritär für Abschlussklassen und „qualifikationsrelevante Jahrgänge“ sowie für die letzte Klasse der Grundschule. In Niedersachsen aber beispielsweise schon ab dem 27. April, in NRW sogar eine Woche früher. Das bedeutet, dass nach wie vor ein Großteil der Jahrgänge bis auf Weiteres nicht am Schulleben teilnehmen kann.

Eine zentrale Erkenntnis der letzten Wochen war, dass Online-Unterricht-Szenarien keinesfalls mit Präsenzunterricht zu vergleichen sind. Alle aktuellen Planungen und Konzepte – gerade auch im Austausch bspw. im #twitterlehrerzimmer häufig thematisiert – berücksichtigen inzwischen diese Erkenntnis.

Dennoch stellt sich angesichts möglicher Szenarien für das Jahr 2020 die Frage, wie mögliche Unterrichtskonzepte im Rahmen länger andauernder Schließungen bspw. für die Sekundarstufe II oder auch Universitätsseminare aussehen könnten.

Vor allem bezugnehmend auf die drei von der Leopoldina genannten zentralen Funktionen von Schule bleiben bei längeren Schulschließungen als Alternative eigentlich nur Konzepte, die Videokonferenzen oder zumindest Online-Tools für Kooperation, Austausch und Interaktion beinhalten.

Basierend auf einem Vorschlag der US-Lehrerin, -Trainerin und -Dozentin Catlin Tucker möchte ich daher hier einen Planungsansatz vorstellen, der

    • für Kleingruppen geplante
    • zielorientierte Instruktionsmöglichkeiten mit
    • Diskussions- und Austauschphasen sowie
    • Einzelgesprächen
    • per Videokonferenz

in einem übersichtlichen Gesamtkonzept bündelt und für die Erprobung gerade in der Sekundarstufe II besonders interessant erscheint.

Videokonferenzen im Online Unterricht
Videokonferenzen im Fernunterricht einsetzen – Möglichkeiten und Phasen im Überblick (Hauke Pölert nach Vorlage von Catlin Tucker)

Insbesondere die Planung und Durchführung von Instruktions- und Ko-Konstruktionsphasen, die ähnlich dem Präsenzunterricht ablaufen könnten, stellen Lehrpersonen neben technischen Aspekten vor pädagogisch-didaktische Fragen:

    • Wie kann ich die Lerngruppe im neuen Online-Setting motivieren und aktivieren – gewissermaßen einfangen?
    • Wie könnten Instruktion, Ko-Konstruktion, Überprüfung und Diskussion strukturiert geplant werden?
    • Wie kann ich klar zwischen lehrer- und schülerzentrierten Phasen trennen?

Unterricht in Kleingruppen

Für Unterrichtskonzepte in Kleingruppen hat Catlin Tucker ein Modell unterschiedlicher Phasen vorgestellt, das Lehrpersonen konkrete Hinweise zur Planung und Durchführung von Lehr-Lernprozessen mittels Online-Interaktionstools zur Verfügung stellt.

Es basiert im Wesentlichen auf drei in den letzten Wochen häufig genutzten Interaktionsformaten, die beispielsweise mit Videokonferenz-Tools umgesetzt werden könnten:

    • Instruktionsphasen
    • Diskussions- und Austauschphasen
    • Einzelgesprächen

Dieses Konzept habe ich übersetzt und leicht angepasst. Es sollte klar sein, dass die hier vorgestellten Phasen

    • erfahrungsbasierte Vorschläge darstellen,
    • nicht als trennscharf zu verstehen sein müssen
    • und im Grunde beliebig kombiniert werden könnten,
    • wenn die Planungen von den Bedürfnissen und Charakteristika der Lerngruppe ausgehen.
Videokonferenzen im Unterricht - Modell für Planung (Hauke Pölert)
Videokonferenzen im Fernunterricht einsetzen – Phasen instruktionsorientierter Lehr-Lernprozesse in Kleingruppen (Hauke Pölert nach Vorlage von Catlin Tucker)

Der Vorschlag Tuckers: Lehrpersonen könnten eine Reihe von zeitlich klar eingegrenzten Videokonferenz-Meetings über den Tag verteilt veranstalten, die sich auf verschiedene Themen und Inhalte konzentrieren. Diese Online-Sitzungen sind eine Möglichkeit, den Unterricht fortzusetzen und mit den Lernenden in Kontakt zu bleiben.

Sollten Bedenken hinsichtlich Internetzugang, Konnektivität und technischen Voraussetzungen in den Familien bestehen – ein häufig geäußertes Argument dieser Tage – können die Meetings von der Lehrperson aufgenommen und bspw. auf dem Schulserver als Lernvideo abgelegt werden.

Ist vor allem geplant, Inhalte zum Weiterarbeiten zu vermitteln (z.B. als einleitende Vorlesungen oder Mini-Unterricht), ist es empfehlenswert, zunächst ein Input-Video aufzuzeichnen und den Schülern zur Verfügung zu stellen. Die wertvolle und begrenzte Zeit der Videokonferenzsitzung kann dann für wichtigere, auf Interaktion und Austausch beruhende Aktivitäten genutzt werden. Dieses Vorgehen entspräche dann teilweise dem Flipped-Classroom-Modell.

Moderation einer Diskussion in Kleingruppen

Ein besonders interessantes Format für die Arbeit in Videokonferenzen ist eine Diskussion in Kleingruppen. Dazu bieten sich alle Themen an, die auch im Präsenzunterricht relevant sind:

    • Ein Kapitel eines Textes oder des Lehrbuchs,
    • eine Erörterung zu einer Leitfrage,
    • eine Nachbesprechung über eine Videolektion (in einem Flipped-Classroom-Setting) zu moderieren oder
    • komplexere Fragen oder Fachthemen zu diskutieren.

Insbesondere bei diesem Vorhaben sollte die Gruppengröße genau überlegt sein, denn zu große Gruppen werden im Rahmen einer Videokonferenz schwer zu moderieren sein. Gerade in der Arbeit mit Sek.II-Kursen hat sich meiner Erfahrung nach aber gezeigt, dass diszipliniertes und rücksichtsvolles Arbeiten (bspw. mit Meldeketten über die Hand heben-Funktion von Zoom) problemlos möglich sind. Ein üblicher Kurs (15-25 Schüler) könnte dennoch gut zweigeteilt werden, die Diskussionsinhalte der jeweiligen Kleingruppen ließen sich beispielsweise als Protokoll-Erklärvideo abschließend sichern und im Kurs vergleichen.

Praktisch und hilfreich kann es sein,

    • die Diskussionsfragen im Voraus zur Verfügung stellen, damit die Schüler sich vor dem Gespräch darüber Gedanken machen können.
    • den Schülerinnen und Schülern einen Online-Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie die Fragen, die sie diskutieren möchten, zusammenstellen und festhalten können. Hierfür bieten sich beispielsweise Mentimeter (offene Fragen), Padlet oder auch ein einfaches kollaboratives Office-Dokument (Microsoft Office 365, Apple Pages, Google Docs, …) an.
    • die Schüler zu bitten, vorher 3-4 Fragen aufzuschreiben, die sie in die Konversation mitbringen wollen.

1:1-Gespräch mit Schülern

Eine in den letzten Wochen häufig angedachte und an vielen Schulen genutzte Option ist auch die Nutzung von Videokonferenzen für Einzelgespräche mit Schülern. Themen können – neben dem einfachen Austausch über den Stand der Dinge, beispielsweise im eigenen Tutorium – die individuellen Ziele, Fortschritte, Fragen und Bedenken der Schüler sein.

Auch der am 16.04.20 veröffentlichten „Leitfaden Schule in Corona-Zeiten“ des niedersächsischen Kultusministers nennt diese Option als Möglichkeit, den pädagogisch motivierten Kontakt mit Schülern aufrechtzuerhalten. Damit werden die zahlreichen Praxiserfahrungen der letzten Wochen nun auch öffentlich im Sinne schülerorientierter Konzepte berücksichtigt.

Alle Lehrkräfte bieten zu verlässlichen Zeiten „Sprechstunden“ per Telefon, Chat oder Videokonferenz an und kommunizieren diese Sprechzeiten an Schülerinnen und Schüler bzw. Erziehungsberechtigte.

Leitfaden Schule in Corona-Zeiten (KM Niedersachsen)

Mithilfe eines beliebigen Online-Kalenders, wie beispielsweise Apple / Google Kalender, lässt sich unkompliziert ein Zeitplan mit Zeitfenstern erstellen, damit sich die Schüler für 5-10-minütige Meetings anmelden können. Die praktische Organisation – beispielsweise mit Zoom – ist dann aber nicht ganz einfach. Fällt es beim Elternsprechtag schon schwer, knappe Termine einzuhalten, so ist das in Videokonferenzen mit Betreten / Verlassen der Videokonferenz nicht einfacher. Hier sollte also ausreichend Zeit eingeplant werden.

Diese Option wird sicherlich interessanter, je länger die Schulschließungen andauern. Die derzeitigen Stufenpläne könnten für zahlreiche Klassen und Kurse bedeuten, entweder noch länger schulfrei oder unregelmäßiger als zuvor eine Lehrperson / ein Fach zu haben. Gerade in der Sekundarstufe II könnten in einem solchen Kontext Einzelgespräche per Videokonferenz auch relevant werden, wenn es um Besprechung der Facharbeiten, Beratung für das Abitur oder andere wichtige Einzelfragen geht.


Kurzfazit

Das hier vorgestellte Modell Tuckers stellt keinesfalls die nun bestmögliche Variante für die Einbindung von Videokonferenzen in Unterrichtsszenarien dar. In den letzten Wochen sind viele Möglichkeiten und Konzepte ausprobiert worden und es wird auch weiterhin dabei bleiben, wichtige Erfahrungen sammeln zu können.

Das strukturierte Vorgehen, das Tucker für Online-Unterricht vorstellt, liegt weder jeder Lehrperson noch jeder Klasse. Es kann aber – gerade in gut eingespielten Lerngruppen und insbesondere in der Sekundarstufe II – für interessierte Lehrpersonen Anhaltspunkte für die weitere Arbeit und Unterrichtsentwicklung bieten.

Da gerade Videokonferenzen nach wie vor für zahlreiche Lehrpersonen Neuland sind, kann das hier vorgestellte Modell auch eine weitere Möglichkeit darstellen, neben offenen Lernphasen auch mal Unterricht mithilfe von Videokonferenzen genauer zu planen. Gerade in dem Fall, das Online-Unterricht angesichts längerer Schulschließungen verbindlich eingefordert werden würde, hätten Lehrpersonen hier einen interessanten und ausdifferenzierten Ansatz für die eigene, dann an der individuellen Lerngruppe orientierte Planung. Nicht mehr und nicht weniger.

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