Spätestens nach den Verlautbarungen der Kultusminister zu den geplanten Schulöffnungen ab Mai 2020 wurde klar: Die Mischung von Präsenz- und Online-Unterricht – blended learning – wird das weitere Schuljahr bestimmen. Ende offen. Klar ist auch: Die Lerneffekte, die Motivation zur Unterrichtsentwicklung, die positiven und negativen Erfahrungen werden nachhaltig wirken.

Vielleicht war die Schlagzeile im Forbes Magazin vom 13. April etwas dick aufgetragen – „The Coronavirus Pandemic Has Unleashed A Revolution In Education: From Now On, Blended Learning Will Be The Benchmark“. Aber im Kern trifft sie einen Nerv.

Denn die unterschiedlichen Reaktionen der von den Corona-Schulschließungen betroffenen Länder, Bundesländer / Regionen und letztlich Einzelschulen machten offensichtlich, was zuvor immer wieder angemahnt wurde: Schulen mit umfassendem Digitalkonzept, konsequenter Fortbildung und Schülern mit Zugang zu digitalen Medien, konnten – sofern ein einheitliches Krisenkonzept vorhanden war – weitgehend problemlos weiterarbeiten. Hier wurden in kurzer Zeit wichtige Erfahrungen gesammelt, wie die zahllosen Blogbeiträge und Erfahrungsberichte zum Lernen aus den Erfahrungen zeigen.

Alle anderen Schulen – vermutlich die Mehrheit – versuchen seit Mitte März ganz unterschiedlich auf die Krise zu reagieren und Lernen und Lehren irgendwie weiter zu ermöglichen. Die damit einhergehenden Probleme sind offensichtlich.

Vom Notfallkonzept zur normalen Unterrichtsform

Ebenfalls immer offensichtlicher wird aber eine Erkenntnis: Was anfangs für manche wie vorübergehende Notfallkonzepte aussah, wird langsam, aber sicher in die schulischen Lehr-Lernprozesse Einzug halten. Dazu tragen unterschiedliche Entwicklungen bei:

    • Wir stehen noch am Anfang einer Phase längerer Unsicherheit, restriktiver Maßnahmen und vermutlich wellenförmig ablaufender Entwicklungen. Die Lockerungen der Corona-Maßnahmen von heute können zu den Einschränkungen von morgen führen. Solange kein Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt worden ist, wird es dauerhaft bei Einschränkungen unterschiedlicher Ausprägung bleiben (müssen).
    • Das bedeutet voraussichtlich, dass für längere Zeit mit ähnlichen Szenarien wie im Mai 2020 zu rechnen ist: Geteilte Lerngruppen, gestaffelte Unterrichtskonzepte und der Fokus auf Mischformen von Lehren und Lernen in Präsenz- und Fernunterricht. Interessant dazu: Bob Blume hat in einem Blogbeitrag 10 Impulse für eine Strukturierung des Schulablaufs nach Öffnung der Schulen zusammengefasst. Und Jan-Martin Klinge zeigt, wie der Start in die Schulwoche konkret an einer ganz normalen Schule aussehen kann.
    • Die Bildungspolitik hat – zwar spät nach vielen Jahren zögerlicher Anpassung der Schulen an den gesellschaftlichen Standard, aber dafür unmittelbar – reagiert und forciert nun die Digitalisierung an Schulen, den Zugang aller Schüler zu Lernplattformen und die Fortbildungsmaßnahmen für Lehrpersonen.
    • Das wird bedeuten, dass viele Lehrpersonen ihren Unterricht um neue Möglichkeiten ergänzen werden, digitale Unterrichtsentwicklung schneller als zuvor in der Breite und Tiefe wirken wird.
    • Auch wird das bedeuten, dass zwar nicht alle, aber viele der jetzt entwickelten Konzepte selbstverständliche Bestandteile von Lernen und Lehren, aber auch kollegialer Zusammenarbeit in post-Corona-Zeiten bleiben werden. Dazu zählen u.a.:
      • Messenger und Videokonferenzen als synchrone Kommunikationskanäle
      • Diachrone Unterrichtsszenarien über Online-Plattformen (Lernmanagementsysteme, Padlet, …)
      • Größere Anteile offener Lern- und Arbeitsformen wie bspw. Projektlernen
      • Die stärkere Fokussierung des Präsenzunterrichts auf Interaktion – die nicht digitalisierbare menschliche Komponente – bei gleichzeitiger Verstärkung digitaler Aufgabenformate im Bereich von Instruktion und Übung

Spätestens seit der Ankündigung stufenweiser Schulöffnungen rückt damit ein Konzept endgültig in den Fokus, das teils schon seit Jahren in vielen Ländern und auch in zunehmend mehr deutschen Schulen praktiziert wird: blended learning. Eigentlich gar nichts neues.

Einfach nur alle Möglichkeiten nutzen: Blended learning als Unterrichtskonzept

Blended learning heißt in direkter Übersetzung „vermischtes Lernen“ und kann als Mischung aus Präsenz- und Online-Unterricht (eLearning) beschrieben werden.

Durch die Möglichkeiten, die das Lernen mit digitalen Medien in Bezug auf individuelles Lernen bietet, wird blended learning seit einigen Jahren zunehmend ein wichtiger Bestandteil von Unterricht auch in Deutschland. Es ist für viele eine neue Form des Lehrens und Lernens, weil es prinzipiell ein selbstständiges, selbstgesteuertes Lernen ermöglicht und dabei auf die Möglichkeiten digitaler Medien setzt.

Ein in deutschen Schulen inzwischen häufiger verwendeter Ansatz von blended learning ist das Flipped-Classroom-Modell, das eine von zahlreichen Möglichkeiten für die Kombination von Präsenz- und Online-Lernen darstellt.

Im blended learning erhalten Schüler – aber in unterschiedlicher Ausprägung – die Möglichkeit zu entscheiden, an welchem Ort sie lernen möchten und wann sie lernen möchten. Natürlich sind die Rahmenbedingungen, der Wechsel von Präsenz- und Onlinephasen, von synchronem und diachronem Lernen, von der Schule oder der Lehrperson vorgegeben. Dennoch bietet dieser Ansatz ganz neue Freiheiten und Impulse für Unterrichtsentwicklung.

Denn natürlich liegt der Fokus nicht auf einseitigem E-Learning: Die Lehrperson entwickelt abhängig von der Lerngruppe und den Themen eine didaktisch sinnvoll konzipierte Abfolge von Präsenzphasen und Phasen des individualisierten Lernens mit digitalen Medien. Die Abfolge und Gewichtung ist dabei flexibel je nach Lerngruppe und Thema planbar:

    • Je nach Gestaltung des Unterrichtsvorhabens können die E-Learning-Phasen mehrere Stunden andauern, wenn z.B. ein Lernprodukt erstellt wird (offenes, projektbasiertes Arbeiten), oder
    • die Präsenzphasen machen einen größeren Teil des Unterrichts aus und die E-Learning-Phasen sind als vorbereitende und/oder ergänzende Übungsphasen (wie häufig im Flipped-Classroom-Konzept vorgesehen) konzipiert.

Keine falsche Schwerpunktsetzung – Ziel: Ausgewogene Mischung

Unterrichtsplanung unter den Bedingungen von blended learning stellt den Versuch dar, die Vorteile von Präsenzphasen und E-Learning so miteinander zu kombinieren, dass die jeweiligen Vorteile verstärkt und die Nachteile kompensiert werden.

Alle reden von Blended Learning - Modell für (Online-) Unterricht während und nach Corona 1
Blended learning: Vorteile beider Lehr-Lernszenarien nutzen und sinnvoll kombinieren (Hauke Pölert in Anlehnung an Materna TMT)

Häufige (bewusst oder unbewusst geäußerte) Fehleinschätzungen beruhen auf der falschen Annahme, dass

    • digitale Unterrichtsformen und Lernwege nun absolut gesetzt würden,
    • dass digitale Konzepte den Präsenzunterricht, am Ende gar die Lehrpersonen ersetzen könnten,
    • und damit der zentrale Wert von Schule und Lehrpersonen für echte Bildung in Gefahr wäre.

Nicht erst seit Hatties Metastudie ist das Offensichtliche auch wissenschaftlich untermauert: Auf die Lehrperson kommt es an.

Aus diesem Grund ist die auch vom Landesschülerrat in Niedersachsen geäußerte Kritik an verpflichtendem und bewertetem Online-Unterricht ernst zu nehmen. Denn in dem vom Kultusministerium Niedersachsen herausgegeben Leitfaden zum Unterricht in Corona-Zeiten fehlen didaktische Hinweise und Konzeptionen zur Orientierung – doch genau diese Präzisierung bräuchten die höchst unterschiedlich erfahrenen Lehrpersonen. Daraus jetzt den Schluss zu ziehen, Online-Unterricht wäre per se schlecht, entspräche wiederum einer Fehleinschätzung. Denn hier geht es explizit um die Konzeption und Bewertung neuer Unterrichtsformate mit alten, auf klassischen Schulraumunterricht bezogenen Methoden. 

Basierend auf den genannten Erkenntnissen setzt die einfache Idee des blended learning genau darauf, die jeweiligen Stärken beider Formen für Lehr-Lernprozesse zu nutzen, anstatt alte Fehler wieder zu machen, und unter digitalen Bedingungen dieselbe Einseitigkeit zu fördern, an der bereits der Frontalunterricht scheiterte.

Präsenzunterricht

Im Unterricht steht die soziale Interaktion zwischen Schülern und Lehrpersonen im Mittelpunkt. So ist eine der zentralen Erkenntnisse aus John Hattis Bildungsstudie „Lernen sichtbar machen“ aus dem Jahr 2009, dass das Verhältnis zwischen Lehrpersonen und Schülern als entscheidend für den Lernerfolg gilt. Der Unterricht, bzw. die Präsenzphasen, sind also von zentraler Bedeutung für den Lernprozess.

Unterricht bietet den Raum sich auszutauschen, gemeinsam mit anderen weiterzuarbeiten, Lernprozesse zu reflektieren und Themen zu diskutieren. Nicht ohne Grund führte eine breiter angelegte Studie an meiner eigenen Schule zu dem empirisch untermauerten Ergebnis, dass im Unterricht trotz umfassender Nutzung digitaler Arbeitsmöglichkeiten Deutung, Reflexion und Urteilsbildung (Anforderungsbereich III) praktisch immer im Klassengespräch, im offenen und persönlichen Diskurs – häufig im Hintergrund gelenkt durch die Lehrperson – zu inhaltlich anspruchsvoller Meinungsbildung führte. Kooperatives Arbeiten, Kommunikation sowie soziales Lernen sind pädagogische Werte, die die Planung von Präsenzunterricht prägen und einen wesentlichen Wert für echte (Persönlichkeits-)Bildung darstellen.

Lernen mit digitalen Medien & Online-Unterricht

In den E-Learning-Phasen steht das individuelle Lernen in Bezug auf Lerntempo, Zeit, Ort mit der Möglichkeit eigene inhaltliche Schwerpunkte setzen zu können im Mittelpunkt. Außerdem bieten digitale Medien die Möglichkeit, unterschiedliche Zugangsweisen (Text, Video, Audio) in den Lernprozess zu integrieren. So können Schüler eigene Zugänge zu Themen und Lernwege wählen, häufig auch aus einem von der Lehrperson bereitgestellten, differenzierenden Angebot auswählen. Über kollaborative Formate wie Padlets, Office-Dokumente (inzwischen bieten alle Office-Pakete die Möglichkeit von Echtzeit-Kollaboration), Wikis, Glossare und gemeinsame Aufgabenstellungen in digitalen Lernumgebungen besteht auch in diesen Phasen die Möglichkeit, dass Lernende gemeinsam arbeiten.

Modelle von blended learning – vor, während und nach Corona

Clayton Christensen, Michael B. Horn und Heather Stalker identifizierten 2013 in ihrem grundlegenden Beitrag „Is K-12 blended learning disruptive?“ vier Modelle von blended learning, in denen Online- und Präsenzlehre auf verschiedene Weise kombiniert werden.

Diese Modelle können und sollten nicht trennscharf definiert werden. Sie bilden aber einen konzeptuellen Rahmen für Lehrpersonen, um blended learning entwickeln und diskutieren zu können. In der Praxis vermischen sich natürlich Elemente der verschiedenen Modelle – vor allem aber die Anteile von Präsenz- und Online-Phasen – um die Planungen bestmöglich an Lerngruppen, Themen und andere Bedingungen anzupassen.

Auch sind nicht alle Modelle gleichermaßen für den schulischen Kontext geeignet. Besonders häufig werden in schulischen Zusammenhängen bisher mit dem Rotationsmodell das Flipped Classroom-Konzept und in manchen Schulen auch das Erweiterte virtuelle Modell – dieses allerdings deutlich häufiger in Universitäten und der Fernlehre – erprobt und genutzt.

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Blended Learning: Vier Modelle für Mischformen von Präsenz- und Online-Lehre (Hauke Pölert 2020)

Wichtig ist mit Blick auf dieses Modell von blended learning zu betonen, dass es sich bei den Definitionen also vor allem um den Versuch handelt, auch sprachlich ein für viele Lehrkräfte neues Feld zu strukturieren. Auf diese Weise sind Austausch und Diskussion über künftige Mischformen von Online- und Präsenzunterricht – gerade nach Corona – einfacher und weniger missverständlich möglich.

Stufenweise Entwicklung von blended learning während Corona

Die US-Lehrerin und Schulberaterin Dr. Jennifer Chang Wathall hat diesen kollegialen Lernprozess hin zur selbstverständlichen Nutzung von blended learning – unter Corona-Bedingungen – in einer prägnanten Übersicht mit vier Entwicklungsstufen vom ersten Notfallkonzept hin zu konsistentem blended learning zusammengefasst. In dieser Darstellung könnten sich vermutlich viele Lehrpersonen – auf ganz unterschiedlichen Stufen – wiederfinden.

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Vier Stufen des E-Learning nach Jennifer Chang Wathall – vom Notfallkonzept zur integrierten Planung

Beispielhaftes Modell: Wochenplanung unter Krisenbedingungen

Wie unter Krisenbedingungen daraus schrittweise ein integriertes blended-learning-Konzept entstehen kann, das anstelle von echter persönlicher Begegnung aber auf synchrone Online-Meetings bauen muss, zeigt die zweite Darstellung Wathalls zur möglichen Wochenplanung. Dieses Konzept ist bereits sehr umfassend und differenziert und sollte nur exemplarisch verstanden werden – im Blogbeitrag zu strukturierter Unterrichtskonzeption mit Videokonferenzen stellte ich bereits ein ähnliches Modell von Catlin Tucker und unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten je nach Schulbedingungen vor.

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Mögliche Wochenplanung in einem blended-learning-Konzept unter Krisenbedingungen (Jennifer Chang Wathall 2020)

Ausblick: Blended learning nach Corona

Für die Zeit der jetzt beginnenden und zeitlich vorerst nicht limitierten Mischformen von Präsenz- und Onlineunterricht werden damit konzeptuelle Leitlinien und Planungsgrundlagen deutlich:

Je nach Bedingungsanalyse der Einzelschule eignen sich unterschiedliche Ansätze für schulische Unterrichtskonzepte. Sammelten manche Schulen bereits Erfahrungen mit Online-Unterricht ähnlich dem Flex-Modell – also weitgehende Verlagerung von Lehr-Lernprozessen in Online-Szenarien – wird sich im Alltag wohl das Rotationsmodell als besonders praxistauglich herausstellen, denn

    • es wird von dem Anliegen bestimmt, eine ausgewogene Mischung aus Online- und Präsenzlehre zu finden, die von pädagogisch-didaktischen Überlegungen bestimmt wird.
    • es ermöglicht in den derzeit geplanten Stufenmodellen von Unterricht weniger persönlichen Kontakt und gleichzeitig die für jede pädagogische Arbeit so wichtige persönliche Interaktion.
    • es bietet auch weniger erfahrenen Lehrpersonen die Möglichkeit, sich langsam einer zukünftig voraussichtlich selbstverständlichen Mischung von Präsenz- und Online-Lernformaten, synchronem und diachronem Lernen anzunähern und unter der Bedingung „Fehler sind erlaubt – lernen wir daraus!“ die weitere Unterrichtsentwicklung zu prägen.
    • es beinhaltet mit dem Flipped-Classroom-Konzept ein bereits bekanntes Prinzip, das sowohl in der Literatur als auch Schulpraxis beschrieben, erprobt und evaluiert worden ist, was zur Akzeptanz und Durchdringung maßgeblich beitragen könnte.

Das verdeutlicht zugleich, dass die Unterrichtsentwicklung hin zu hybriden Lehr-Lernkonzepten vielleicht schrittweise, aber deutlich bemerkbar an Dynamik gewinnen wird.

Die Bildungspolitik steht dabei vor zahlreichen Herausforderungen, die mit dem ab Mai 2020 forcierten Online-Unterricht konkreter werden. Diese betreffen alle Beteiligten im Schulsystem und manifestieren sich in Diskussionen über zunehmende Bildungsungerechtigkeit / digital gap, Ausstattung der Schulen, Anforderungshaltung gegenüber Lehrpersonen, die Definition, was eigentlich gute Bildung im digitalen Zeitalter ausmacht – und wie künftig unsere Schulen und Lehrpersonen überhaupt arbeiten werden.

Die damit verbundene Dynamik von Schul- und Unterrichtsentwicklung erfordert von allen Beteiligten Anstrengungen. Denn unter digitalen Bedingungen verändern sich nicht nur Raum-/Zeitkonzepte, sondern immer auch die Rolle der Lehrperson. Das rührt an Haltungen, von denen häufig nur die Spitze des Eisbergs zu sehen ist.

Blended learning: Ein unscheinbarer Begriff, ein einfaches Konzept, ein im 21. Jahrhundert ganz selbstverständlich erscheinender Ansatz – wir werden noch viel darüber reden und schreiben…


Weiterführende Informationen

Interessante Einblicke in blended-learning-Konzepte bietet auch die Broschüre des (kommerziellen) Lernmanagementsystems itslearning, das neben einer Einführung vor allem auch Praxisbeispiele aus Schulen zeigt.

itslearning-leitfaden-blended-learning

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