Birgit Eickelmann: Schul- und Unterrichtsentwicklung unter digitalen Bedingungen – empirische Befunde und notwendige Schwerpunktsetzungen 1

Prof. Dr. Birgit Eickelmann

Universität Paderborn, Institut für Erziehungswissenschaft; Forschungsschwerpunkte: Schul-, Unterrichts- und Lehrkräftebildungsforschung im Kontext von Digitalisierung, Entwicklung von Schulen und Schulsystemen; u.a. Leitung der IEA-Studien ICILS (International Computer and Information Literacy Study) für Deutschland und des europäischen Horizon-2020-Projektes ‚Digital Generation‘. Website von Birgit Eickelmann

Der Blick auf digital gestützte Lernformate hat sich im Zuge der Corona bedingten Schulschließungen in Deutschland verändert. Dabei stand anfangs die Euphorie um die digitalen Möglichkeiten im Vordergrund: mit Schülerinnen und Schülern trotz der Schulschließungen in Kontakt zu bleiben, Lernmaterialien bereitstellen zu können und im Idealfall auch die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler ‚aus der Ferne‘ zu begleiten.

Die Entwicklungen

Schulen, die beispielsweise schon mit Lernmanagement-Systemen gearbeitet hatten, gelang das Umschalten von Präsenz- auf Fernlernen erstaunlich reibungslos.

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Nach und nach konnte man neben den vielen tollen Beispielen aber auch beobachten, wie diese Euphorie um die digitalen, neu erkannten Möglichkeiten abebbte. Deutlich wurde einerseits, dass nicht alle Schulen und nicht alle Lehrkräfte die benötigten Vorerfahrungen mitbrachten. Es zeigte sich andererseits eine große Bandbreite, sowohl in der Umsetzung des digital gestützten Fernunterrichtens als auch in den gewonnenen Erfahrungen. Schulen, die beispielsweise schon mit Lernmanagement-Systemen gearbeitet hatten, gelang das Umschalten von Präsenz- auf Fernlernen erstaunlich reibungslos. Im Fernunterricht entwickelten sie teilweise sehr kreativ neue Ideen, von denen viele durchaus das Potenzial haben, in der Zeit nach der Schulschließung weitergeführt zu werden. Vielerorts fanden sich jedoch entsprechende benötigte Strukturen nicht. Hemmende Bedingungen wie fehlende technische Infrastrukturen, fehlende geeignete Lernmaterialien, fehlende Endgeräte bei Schülerinnen und Schülern sowie zuletzt auch datenschutzrelevante Aspekte führten – wie auch schon in Nicht-Krisen-Zeiten – Schulen und vor allem Lehrkräfte an ihre digitalen Grenzen. Demgegenüber stand und steht eine Flut von Informationen über Unterrichtsmaterialien und Tipps für Tools, die Lehrkräfte, aber auch die Schülerinnen und Schüler, sowie ihre Eltern in Teilen nicht nur motivierten, sondern in ihrer ungeordneten Vielzahl und stellenweise auch schlicht überforderten. Dabei trafen die Angebote auf digital und technisch Affine, auf didaktisch Versierte, auf Kennerinnen und Kenner der digitalen Möglichkeiten und auch auf Ablehnerinnen und Ablehner des digital gestützten Lernens.

Langfristige Veränderungen in Sichtweite?

In der Diskussion scheint es fast so, als hätte die Corona-Krise dem digital gestützten Lernen großen Rückenwind verliehen und die Hoffnung auf eine katalysatorische Wirkung für schulische Digitalisierungsprozesse wird vermehrt geäußert. Die Hoffnung, dass durch die Erfahrungen in Zeiten der Krise die Langsamkeit der Entwicklungen im Bezug auf die Digitalisierung im Schulbereich in Deutschland überwunden werden konnte, scheint aber bei genauem Hinsehen trügerisch. Einerseits wissen wir aus der Schulentwicklungsforschung nicht zuletzt seit Fullan (2007), dass schulische Innovationsprozesse – insbesondere für den Bereich der Digitalisierung (Eickelmann, 2010) oft erst durch äußere Eindrücke bzw. von äußeren Eindrücken in Gang gesetzt werden. Nachhaltige Veränderungen ergeben sich dabei aber nie von alleine und sind auf Dauer nur in bedingtem Maße von der Anfangsphase der Prozesse geprägt.

Nachhaltige Veränderungen ergeben sich dabei aber nie von alleine und sind auf Dauer nur in bedingtem Maße von der Anfangsphase der Prozesse geprägt.

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Aspekte wie Akzeptanz und Passung, geeignete schulische Rahmenbedingungen, sowie professionelle Kompetenzen der Akteurinnen und Akteure und eine systematische, dauerhafte Integration in Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozesse wiegen hier deutlich schwerer. Dabei trifft die Hoffnung des Rückendwindes für schulische Digitalisierungsprozesse auf eine sehr heterogene Ausgangslage in den Schulen, die sich vor der Schulschließungsphase in unterschiedlichen Stadien der Erprobung und Umsetzung von schulischen Digitalisierungsprozessen befanden. Einen Zwischenstand dazu hat die ICILS-2018-Studie bereitgestellt.

Ausgangslage in Deutschland davor: ICILS 2018

Für den Bereich schulischer Digitalisierungsprozesse hat die ICILS-2018-Studie (Eickelmann et al., 2019) für Deutschland auf deutliche Entwicklungsbedarfe hingewiesen. Diese umfassen sowohl Entwicklungsbedarfe im Bereich schulischer Voraussetzungen als auch im Bereich schulischer Prozesse. Angefangen von Aspekten nicht flächendeckend vorhandener pädagogisch geeigneter schulischer IT-Infrastrukturen über unterschiedliche Kompetenzen und Einstellungen von Lehrkräften sowie fehlende Fortbildungsangebote und damit möglicherweise eng verbunden mit einem in Deutschland vorrangig vorzufindenden eher lehrkraftzentrierten Ansatz von digital gestütztem Lernen konnte die ICILS-2018-Studie auf viele relevante Stellschrauben hinweisen. Diese wurden längst nicht alle umfassend in der Fläche bearbeitet und bildeten daher die Rahmenbedingung für den Corona-Fernunterricht. Neben den vorgenannten und vielen weiteren Aspekten

…sind aber vor allem die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler anzuführen, die in Deutschland im internationalen Vergleich eher mittelmäßig sind und im Sinne eines Digital Divide sehr stark vom sozioökonomischen Hintergrund der Familien abhängen.

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sind aber vor allem die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler anzuführen, die in Deutschland im internationalen Vergleich eher mittelmäßig sind und im Sinne eines Digital Divide sehr stark vom sozioökonomischen Hintergrund der Familien abhängen. Sie bilden den Rahmen für die Frage: Wie wirkungsvoll kann digital gestütztes Lernen eigentlich von den Schülerinnen und Schülern jetzt und in Zukunft umgesetzt werden? Gleichsam sind diese Kompetenzen, nicht zuletzt seit der KMK-Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt‘ als schulisches Bildungsziel definiert. Hinter diesem Anspruch fällt zurück, dass bisher ein Großteil der Schülerinnen und Schüler weiterhin diese Kompetenzen häufig noch außerschulisch erwerben und nur ein geringer Anteil an Jugendlichen in Deutschland obere Kompetenzstufen digitaler Kompetenzen, die in der Studie als computer- und informationsbezogene Kompetenzen beschrieben werden, erreichen.  

Lerneffekte für das Schulsystem

Es bleibt die Hoffnung, dass aus den Erfahrungen aus den Zeiten der Corona- Schulschließungen Impulse für schulische Digitalisierungsprozesse ausgehen werden. Wie alle Entwicklungen im Bildungsbereich, sollte man sich aber nicht der Hoffnung hingeben, dass sich diese längerfristigen Wirkungen von alleine einstellen. Auch sticht die Qualität die Quantität der Digitalisierung und Schul- und Unterrichtsqualität sind auch – vielleicht sogar noch mehr als zuvor? – in einer digitalisierten Welt zentral. Dabei können sowohl aus der Euphorie um das Digitale in der Krisenzeit als auch aus den nun nochmals festgestellten Grenzen Lerneffekte für das Schulsystem abgeleitet werden:

  • Schulische Digitalisierungsprozesse können in einer bestimmten Phase zunächst von einzelnen Lehrkräften getragen werden; diese sind aber kein Garant für Breitenwirkungen und nachhaltige Veränderungen. Vielmehr geht es um umfassende Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozesse. Qualität und Zukunftsorientierung sind hier die Schlagworte.
  • Digital gestützte Lernprozesse sind nur dann erstrebenswert, wenn sie die Lernenden und ihre Lernprozesse und Lernergebnisse sowie ihre individuellen Voraussetzungen und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen – und nicht das technisch Mögliche. Im Kern aller Bestrebungen stehen die Schülerinnen und Schüler sowie die Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen.
  • Technische Infrastrukturen bilden die notwendigen, aber keine hinreichenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unterstützung digitalen, lernförderlichen Lernens und Lehrens in Schulen. Kluge Gesamtkonzepte, die Raum lassen für didaktisch-pädagogische Ausgestaltungen und Möglichkeiten von Schwerpunktsetzungen auf der Schulebene ohne, dass überall das Rad neu erfunden werden muss, sind erstrebenswert. Digitalisierungsbezogene Schulentwicklungsprozesse sind zu gestalten, zu steuern und zu unterstützen.
  • Ohne schülereigene digitale Endgeräte und gute Finanzierungskonzepte können die Potenziale digital gestützten Lernens nicht von allen Lernenden genutzt werden. Insbesondere Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Lagen werden abgehängt. Partizipation und Chancengerechtigkeit im Schulsystem bleiben mit Blick auf die digitale Zukunft leere Worthülsen, wenn es nicht gelingt, alle Schülerinnen und Schüler an den Entwicklungen teilhaben zu lassen.

Der Blick nach vorne – das Digitale neu eingeordnet

Abschließend sei angemerkt, dass das digital gestützte Fernlernen im Sinne eines Distance Learnings, wie wir es im Rahmen der Zeiten von Schulschließungen in Deutschland praktifiziert haben, nicht mit Unterrichtsprozessen in Präsenzformaten verwechselt werden darf. Die Art und Weise, wie Schule durch persönliches Zusammentreffen von Lehrenden und Lernenden organisiert ist, haben wir in Zeiten der Schulschließungen noch einmal neu und ganz anders zu schätzen gelernt. Und auch das macht Hoffnung und verdeutlicht, dass erfolgreiches Lernen und Lehren in Schulen von kompetenten Lehrkräften und schulischen Konzepten getragen wird und das Digitale hier nur einen, wenn auch zunehmend wichtigen Teil ausmacht, um Schul- und Unterrichtsentwicklung zukunftsweisend zu gestalten.  


Weitere Informationen zur Autorin auf der Website des Lehrstuhls für Schulpädagogik der Universität Paderborn

2 KOMMENTARE

  1. Ich frage mich, ob jemand auch einmal beachtet, dass Schüler in diesen Zeiten sich oft Endgeräte mit Eltern und Geschwistern teilen, dass andere Dinge zu tun sind, dass Lehrende auch Familien zu Hause haben… es ist bei weitem nicht nur die Frage des digitalen Unterrichtens zu sehen.

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