Schon die ersten repräsentativen Studien zu den Auswirkungen der Corona-Krise zeigen, dass eine deutliche Entwicklungsdynamik in den Schulen Einzug gehalten hat (vgl. Das Deutsche Schulbarometer 2021). Seien es der Ausbau schulischer Infrastruktur, der Einsatz digitaler Tools, die Lehrerfortbildung oder die Nutzung einheitlicher Lernplattformen: In allen Bereichen gerät der digitale Transformationsprozess in Bewegung.

Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 1
Schlagzeile im Forbes Magazin, 13.04.2020

Und auch wenn die Schlagzeile im Forbes Magazin vom 13. April 2020„The Coronavirus Pandemic Has Unleashed A Revolution In Education: From Now On, Blended Learning Will Be The Benchmark“ – vielleicht etwas hochgegriffen erscheint, ist seit dem letzten Schuljahr ein klarer Trend erkennbar: Blended Learning wird seit Jahren ein zunehmend wichtiger und selbstverständlicher Bestandteil von Unterricht auch in Deutschland. Das hat eine einfache Ursache: Im Wortsinn geht es darum, Präsenzunterricht und eLearning, analoges und digitales Lernen sinnvoll zu einer kohärenten Planung zu verbinden und auf diesem Mix aufbauend Lernprozesse und Unterrichtsziele zu entwickeln.

Begrifflich und konzeptuell fehlt allerdings noch eine gewisse Einheitlichkeit, Präzision und Verbindlichkeit. Das liegt sicherlich auch daran, dass bis ins Jahr 2020 hinein nur wenige Lehrpersonen je von Hybridunterricht oder Blended Learning gehört hatten. Gerade letztgenanntes Konzept war zuvor eher im universitären oder betrieblichen Lernen bekannt, in den Schulen aber stark abhängig von der Innovationskraft der Einzelschule.

Dadurch kam es im Verlauf des „Corona-Jahres“ 2020 immer wieder zu Missverständnissen und Fehlverknüpfungen – häufig angetrieben und befördert durch die regelmäßige, aber nicht immer präzise und adäquate Berichterstattung in der Presse:

    • Kinder im Homeschooling – Ist „Homeschooling“ tatsächlich der vorherrschende Lernmodus während der Pandemie?
Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 2
Redaktionsnetzwerk Deutschland, 01.06.2021
    • Schulschließungen = Unterrichtsausfall?
  • Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 3
    Tagesspiegel, 18.05.2020

     

    • Hybridunterricht als Live-Videoübertragung von Unterricht aus dem Klassenraum ins heimische Kinderzimmer?
Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 4
Nur eine Möglichkeit: Hybridunterricht als Live-Videoübertragung aus dem Klassenraum (HABA Digitalwerkstatt 2021)

Zu sehen sind hier nur einige Beispiele für begriffliche Unsicherheiten und Unschärfen – teils aber durchaus mit negativen Auswirkungen und / oder Konnotationen, die unwillkürlich prägend wirken. So zeigt auch die aktuelle Diskussion um die „Unterrichtsausfälle“ seit dem Frühjahr 2020 die große Gefahr, die von einem entsprechenden framing im Bildungsbereich für offene Lern- und Arbeitsformen ausgeht. Denn angesichts des spätestens seit Mitte 2020 kontinuierlich verbesserten Distanzlernens, angesichts toller Schülerleistungen und neuer Lernmöglichkeiten einseitig von „Unterrichtsausfall“ zu sprechen, lässt doch die notwendige Differenzierung vermissen.

Gerade was den Begriff Hybridunterricht betrifft, zeigt sich das unterschiedliche Verständnis von ein und derselben Begrifflichkeit: Exemplarisch zu sehen in einem Austausch durchaus digital-affiner Lehrpersonen im #twitterlehrerzimmer:

In der letzten Zeit ist begrifflich einiges in die Schräge geraten – und insbesondere in Bezug auf hybride Lernformate oder Blended Learning ist vielleicht eine kurze Präzisierung notwendig. Daher hier ein erster Versuch, wichtige Begrifflichkeiten verständlich zu erläutern und abzugrenzen – was aber nicht heissen soll, dass es mir nicht ähnlich ginge und ich manchmal nicht ähnlich unsicher wäre. Insofern bin ich auch sehr dankbar für die punktuelle Nachschärfung durch Joscha Falck und denke, dass dieses Glossar langsam wachsen und vor allem begrifflich ausgeschärft werden könnte…

Glossar: Hybride Lernformen und Blended Learning

Unter eLearning wird zunächst ganz allgemein digitales (bzw. „digital unterstütztes“) Lernen und Arbeiten verstanden. Während Präsenzunterricht zumeist an Ort und Zeit in fester Taktung gebunden ist, kann eLearning sowohl im Unterricht, in der Schule als auch zuhause oder an einem anderen Ort stattfinden. In Abgrenzung zu anderen Lernformen ist eLearning „rein digital“ gestaltet. Oder, wie Joscha Falck es mir so schön schrieb: „eLearning findet (platt gesagt) nur vor dem Bildschirm statt“.

Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 5
eLearning: Methodisch-didaktisch vielfältiger, als es manches Symbolbild vermuten lässt (Canva 2021)

Didaktische Konzepte, die eine Kombination von Präsenzunterricht und eLearning vorsehen, werden als Blended Learning bzw. hybrides Lernszenario oder auch – gerade unter Corona-Bedingungen – hybrides Lernen bezeichnet. Im Vordergrund steht zunächst im Wortsinn die Verknüpfung zweier Lern- und Arbeitsformen in einer didaktischen Planung. Das kann synchron (eine Lerngruppe lernt zeitgleich teils im Klassenraum, teils zu Hause per Videokonferenz oder Kollaborationstool beteiligt), aber genauso auch asynchron (in einer Abfolge von Präsenz- und eLearning-Phasen) geplant sein.


Was bedeutet synchron und asynchron im didaktischen Kontext? In hybriden Lernszenarien, also beim Lernen im digitalen und analogen Raum, gewinnt auch die Planungskomponente Zeit eine neue Bedeutung: Welche Lernaktivitäten sollen zeitgleich, also in synchron geplanten Formaten erfolgen (Videokonferenzen, Chats, Kollaborationstools, …), welche können zeitversetzt, also asynchron, im eigenen Tempo bearbeitet werden? Diese Planungsdimension gewinnt zentrale Bedeutung für die Grundfrage, welche Lernprozesse in der Lerngruppe, welche individuell erfolgen sollen, sowie für Differenzierung und Individualisierung.


Blended Learning als eine Form hybrider Lernszenarien zielt insbesondere auf die möglichst sinnvolle Kombination von Präsenzlernen und eLearning unter Nutzung der Stärken der jeweiligen Formate ab. Hier sind abhängig vom Gesamtkontext ganz unterschiedliche methodisch-didaktische Settings denkbar.

Blended Learning
Ziel von Blended Learning: Die Kombination der Vorteile beider Lernformate

Zwei Beispiele für eine mögliche methodisch-didaktische Planung seien hier kurz vorgestellt – natürlich nur als Modelle, aber doch als Beispiele für die flexible Gestaltung von Blended-Learning-Szenarien. Im ersten Beispiel lässt sich die „klassische“ Blended-Learning-Planung in Richtung Flipped-Classroom-Modell erkennen – hier für den Geschichtsunterricht vorstrukturiert.

Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 6

Im zweiten Beispiel eine Planung von Blended Learning, die noch stärker als die erste Planung offeneres und selbstgesteuertes Lernen mit der LPS-Methode für Blended Learning fokussiert.

Blended Learning - Hybridunterricht - eLearning: kleines Glossar für den Schulalltag 7

Hybridunterricht dagegen ist eine in Corona-Szenarien entstandene – oder besser: in der Breite begrifflich geprägte – Form des Blended Learning, bei der ein Teil einer Lerngruppe in Präsenz lernt, während ein anderer Teil gleichzeitig außerhalb des Klassenraums lernt. Das zentrale (und im Schulalltag häufig problematische) Element des Hybridunterrichts ist die Gleichzeitigkeit und damit verbundene Vorstellung, Unterricht werde dann per se live gestreamt, auch wenn einzelne Phasen durchaus zeitlich asynchron verlaufen können. Tim Kantereit kommentiert dazu in dem lesenswerten FAZ-Interview „So könnte guter Hybridunterricht aussehen“: „Bei den Halbgruppen gibt es die Möglichkeit, dass ich die Gruppe, die sich zu Hause befindet, live in den Unterricht dazuschalte – wenn ich die entsprechenden technischen Voraussetzungen habe. Oder aber ich strukturiere den Unterricht so, dass beide Gruppen ein digitales Angebot bekommen, die Gruppe vor Ort aber vom Lehrer unterstützt wird, während die andere Gruppe nur per Messenger oder Videokonferenz mit dem Lehrer und den Mitschülern in Kontakt tritt.“ Und Nele Hirsch beschreibt in ihrem Blogbeitrag „Hybride Lernsettings weitergedacht“ sowohl ihre Skepsis als auch unterschiedliche funktionale Modelle hybriden Lernens.


Homeschooling bezeichnet eigentlich per Definition „[…] den Bildungsansatz, bei dem Kinder in ihrem eigenen häuslichen Umfeld [zeitweise oder dauerhaft] lernen, anstatt eine Schule [staatlich oder in privater Trägerschaft] zu besuchen“ – am ehesten bekannt aus dem australischen Outback (Farmerkinder, die keine Schule besuchen können) oder auch (z.B. in den USA und Europa) von Familien, deren Kinder (aus weltanschaulichen Gründen jeglicher Art) keine öffentliche Schule besuchen sollen.

Der Begriff Homeschooling hat durch die Corona-Pandemie teilweise eine veränderte Bedeutung erhalten. Es geht in dieser Neudefinition nicht um die in Deutschland verbotenen Versuche, Kinder durch häuslichen Unterricht vor dem verderblichen Einfluss des staatlichen Schulwesens zu schützen, sondern darum, angesichts des Schließens der Schulen eine Fortsetzung der Unterrichtsarbeit im häuslichen Umfeld zu ermöglichen. Hilbert Meyer definiert (mit Formulierungshilfen von Till-Sebastian Idel, seinem Lehrstuhl-Nach-Nachfolger an der Uni Oldenburg) in dem Beitrag „Homeschooling – Didaktische Ansprüche an Homeschooling und Fernunterricht“ für meinen Blog:

Arbeitsdefinition: Homeschooling ist ein durch die Schule organisierter Fernunterricht, in dem das gemeinsame Arbeiten in der Klasse/im Lernverband zeitlich befristet aufgehoben und durch individualisierte Hausarbeit ersetzt wird. Sie wird in unterschiedlichem Umfang von den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten beaufsichtigt und von der Schule durch die Arbeit mit Bildungsservern und den Einsatz digitaler Medien unterstützt.

Am Diskurs Beteiligte sollten also bei Verwendung dieses Begriffes differenzieren, von welcher Definition sie ausgehen.

Hinweis zur Diskussion um den Begriff „Homeschooling“: In dem Gastbeitrag „Bildungsoffensive statt ‚Homeschooling’“ für diesen Blog kritisieren die Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, und der Professor für Weiterbildung und Bildungsmanagement Harm Kuper die aktuell häufig zu beobachtende Verwendung des Homeschooling-Begriffes. Zugleich leiten sie daraus konkrete Forderungen und Schlussfolgerungen ab.


Wird fortgesetzt...


Noch etwas mehr Interesse am Thema Blended Learning? Hier eine Zusammenstellung der bisher erschienenen Blogbeiträge zum Unterrichtskonzept – diese bauen weitgehend aufeinander auf und ergänzen sich:

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